/ Juli 19, 2021/ Blog, Mit dem Fahrrad

Der Wecker klingelt verdammt früh

Da wir heute noch einiges auf dem Plan haben und der Wohnungsschlüssel bis spätestens 12 Uhr bei der Vewaltung liegen muss, starten wir sehr früh in den Tag. Nach dem Aufstehen ein schneller Kaffee, ein paar Sachen gepackt und zu einem speziellen Baumarkt, der hoffentlich die richtigen Muttern für unser Projekt hat. Kurz nach Ladenöffnung sind wir da und machen uns auf die Suche. Mit etwas Hilfe finden wir die passenden Teile. Draußen ausprobiert – und es passt. Die Fahrradträger inklusive der Ablage fürs Gepäck sind für die Rückreise bereit.

Zurück im Wohnheim packen wir unsere restliche Ausrüstung, Klamotten und Lebensmittel zusammen. Ich gehe noch einmal ausgiebig duschen, da ich weiß, dass es vermutlich die letzt heiße Dusche für die nächsten Wochen sein wird. Wir sind fast startklar und haben mittlerweile ordentlich Hunger fürs Frühstück. Jetzt nur noch die letzten Kleinigkeiten ins Auto, die Taschen an die Räder, Solarzellen oben drauf geschnallt und los geht’s um den Schlüssel abzugeben. Ein bisschen Sucherei und es wird klar, wo der Schlüssel hin muss. Wir rollen an einer Fahrrad-Station vorbei, pumpen die Reifen nochmal ordentlich auf und schon geht’s raus aus der Stadt.



Das Wetter ist schön und die Wege sind angenehm. Unser geplantes Ziel ist nicht zu weit entfernt. So passt es für den halben Tag, der noch übrig ist und die Strecke ist vernünftiger, da wir beide noch Schmerzen haben. Caro in der Achillessehne sowie an der verbrannten Hand und ich immer noch in beiden Füßen. Es ist ein seltsames Gefühl. Zum einen aufzubrechen, bevor man richtig angekommen war. Zum anderen waren wir zwar nicht unterwegs, hatten aber irgendwie auch keine Pause oder Ruhe. Und wir haben uns trotz allem unglaublich schnell wieder an dem Luxus einer Wohnung mit Bett, fließend Wasser, Backofen und Dusche gewöhnt. Nach den doch recht stressigen Tagen ist es einfach auch schön, wieder auf dem Rad zu sitzen. Das Rad mit dem Gepäck, der Weg, der vor uns liegt und wir. Nicht mehr und nicht weniger.

So rollen wir dahin und genießen das Wetter. An einer kleinen Brücke fahren wir an einer anderen Radreisenden vorbei. Sie ist am telefonieren und man hört sofort, dass sie auch Deutsche ist. Offensichtlich gibt es mehr Menschen mit ähnlichen Plänen. Nach knapp 40 Kilometern, kurz vor unserem Ziel treffen wir auf einen Schweizer, der auch auf dem Weg zum Nordkapp ist. Er ist zu einem ähnlichen Zeitpunkt wie ich losgefahren, hat allerdings eine andere Route gewählt. Ein gutes Stück fahren wir gemeinsam und tauschen uns aus, bevor Caro und ich die Straße verlassen und auf einen Schotterweg abbiegen. Der Schweizer, dessen Namen ich schon während des Gesprächs vergessen hab, will noch ein ordentliches Stück fahren. Unser Weg wird zunehmend sandig und wir skeptisch. Hinter einer Biegung zeigt sich dann eine schöne und recht neue Hütte mit allem, was man sich wünscht. Neben der Feuerstelle mit reichlich Holz gibt es auch ein Klo und einen Pfad runter zum Fluss. Von der Bank vor der Hütte aus kann man den Fluss auf sich wirken lassen und wie er sich mit seinem mächtigen Rauschen in einem großen Bogen durch den dichten Wald zieht.



Wir machen uns in und um die Hütte breit, Caro spannt ihre Hängematte auf, während ich anfange zu schreiben und wir bereiten das Abendessen vor. Während ich gerade das Feuer anmache, höre ich Caro vom Fluss aus etwas rufen. Es klingt, als wäre etwas mit ihrem Schuh. Ich laufe hin und sehe, wie einer ihrer Birkenstock-Sandalen in der Stömung überraschend schnell abwärts getragen wird. An einem anderen Pfad, ein Stück weiter flussabwärts warte ich auf den Schuh, der sich kurz vor mir in einem Strudel verfängt. Die Rettungsaktion glückt.

An der Hütte stellen wir das Zelt auf. Ich ärgere mich unglaublich, als mir auffällt, was ich vergessen hab. In Umeå hab ich mich um alles gekümmert, um die ganze Ausrüstung, außer um meine Iso-Matte. Keine Ahnung, wie ich sie komplett vergessen konnte. Beim letzten Einpacken war sie wohl noch ein bisschen feucht und nach einigen Tagen in der warmen Wohnung hat sie Stockflecken entwickelt. Während ich die ausgebreitete Matte mit Desinfektionsmittel und Caros Hilfe abreibe, ärgere ich mich immer wieder über meinen Fehler. Noch einmal alles ordentlich abspülen und zum Trocknen aufhängen.

Keine lange Zeit später hören wir ein Motorrad. Es kommt nicht nur näher, sondern genau zu uns. Es steigt ein Paar ab, etwa Mitte 40 und sucht das Gespräch. Er war schon viel in der Welt unterwegs. Fast immer mit seiner Reise-Enduro. Auch in Deutschland war er schon unterwegs und er kennt sogar den Schwarzwald, der ihm gefallen hat. Beeindruckt von der Strecke, die ich von Süddeutschland bis hierher mit dem Fahrrad zurückgelegt hab, gibt er uns noch ein paar Tipps für die nächsten Tage und die beiden machen sich auf ihrem Motorrad wieder auf den Weg. Wir machen uns Kartoffeln in der Glut des Lagerfeuers. Dazu gibt’s Rübenmus, Hummus und ein bisschen Asia-Sauce. Die Kartoffeln brauchen länger als erwartet und vor allem länger als unsere hungrigen Mägen es gerne hätten. Obwohl unser erster Tag nach der Pause etwas holprig gestartet ist, sind wir froh, wieder unterwegs zu sein und wir sind gespannt, was die nächsten Tage auf uns wartet. Jetzt noch schnell nach Hütten für den nächsten Tag schauen und ab ins Zelt.

Eine endlose Baustelle

Die Nacht war irgendwie zu kurz. Caro hat gut geschlafen, ich bin dagegen recht früh mit Rückenschmerzen aufgewacht, da meine Iso-Matte noch immer Luft verliert und das Problem sich verschlimmert.

Auf unserem Weg Richtung Straße begleitet uns das Rauschen des Flusses, während wir unseren Schlafplatz hinter uns lassen. Wir fahren über geschotterte Straßen parallel zur E4 in Richtung Ratan, einer kleinen Siedlung an der Küste, die uns das Pärchen auf dem Motorrad empfohlen hatte. Ein gutes Stück müssen wir entlang der Schnellstraße fahren.

Durch die Baustelle und die Fahrbahnerneuerungen ist der Radweg im Moment einfach nicht existent. Nach einigen Kilometern wollen wir eigentlich auf eine Nebenstraße und zur Küste abbiegen, was leider auch nicht geht. So sind wir quasi auf der Schnellstraße in einer nicht enden wollenden Baustelle gefangen. Es ist einigermaßen okay, da die Fahrzeuge relativ langsam fahren, allerdings ist es trotzdem teilweise eng. Scheinbar ist in der Nähe ein Großprojekt im Bau. Eine unglaubliche Menge an Schwertransportern rollt in der Baustelle an uns vorbei. Teilweise sind sie sogar im Konvoi unterwegs und haben unterschiedlichste Ladung. Von riesigen Betonteilen über gigantische Einzelteile von einem Kran bis hin zu völlig undefinierbaren Stahlkonstruktionen ist alles dabei.

Etwa 25 Kilometer lang ist die Baustelle. Und jede Ausfahrt, die wir nehmen wollen, ist dicht. Wir sind verdammt froh, endlich wieder auf kleineren Sträßchen unterwegs zu sein. Man ist doch ziemlich angespannt, wenn man teilweise nur Zentimeter von diesen Kolossen entfernt fährt.

Es ist unglaublich warm, so sehr dass ich den größten Teil des Tages ohne Shirt fahre. Caro im Laufe des Tages dann auch. Nicht lange dauert es, bis sich der Weg, auf dem wir jetzt unterwegs sind, wieder voll nach Pampa anfühlt. Durch süße kleine Dörfchen und zwischen Feldern, Weiden und Wald geht es auf und ab. Von einer Brücken aus, eine ältere Brücke mit Bögen aus Stahl, sehen wir im Fluss eine kleine Insel. Der vordere Teil, der standhaft in der Strömung steht, ist aus massivem Fels, während alles auf der Insel in saftigem Grün erstrahlt. Von dem kleinen Sträßchen geht es ab und hinter einer Scheune einen kleinen Pfad abwärts bis zu einer alten hölzernen Brücke. Einmal rüber und schon sind wir an diesem traumhaften Spot mit allem, was man braucht und sich wünscht.



Leider sehen unsere Pläne anders aus und wir machen uns, nach unserem Mittagessen und ein paar ausgiebigen Blicken über die wunderbare Natur hier, wieder auf. Während wir weiter rollen ziehen wir uns irgendwann die Shirts wieder über. Nicht, weil es kalt wird, sondern eher, dass der Sonnenbrand nicht so große Chancen hat.

Eine Hütte haben wir für heute nicht geplant. Ehrlich gesagt nutzen wir die Schutzhütten in den meisten Fällen auch kaum. Wenn, dann nutzen wir Tische und Bänke davor zum Kochen und allem anderem. Eventuell auch mal die Feuerstelle, aber das Zelt bauen wir so oder so jeden Abend auf, da man sonst in der Nacht von Mücken gefressen werden würde. Wir steuern jetzt auf einen kleinen See zu. Auf der Karte haben wir gesehen, dass ein Weg bis an den See führt und direkt dort endet. Auch eine Lichtung ist zu erkennen. Von der Straße geht’s an ein paar Häusern im Wald vorbei und abwärts Richtung See. Nicht nur ein geschotterter Parkplatz, auch eine kleine Wiese, Picknickbänke, eine Hütte und vor allem die Möglichkeit zu baden sind hier. Unser erster Impuls ist „Abkühlung!“. Also heißt es Klamotten aus und ab ins kühle Nass. Den Schweiß ist von der Haut waschen und schon fühlt man sich deutlich besser.

Während wir uns abtrocknen und anziehen, kommt ein alter, rauchender Mann mit mächtigem Bierbauch auf seinem Elektro-Senioren-Mobil angefahren. Dass wir gerade erst angefangen haben uns anzuziehen, hält ihn nicht davon ab, uns anzusprechen und zu fragen, ob wir angeln wollen. Ziemlich irritiert erklärt Caro, dass wir auf einer Fahrrad-Reise sind. Er freut sich über ihr gutes Schwedisch und fragt nochmal ob wir wirklich nicht angeln wollen. Er raucht noch ein paar Zigaretten, bevor er mit seinem Gefährt langsam wieder von dannen eiert. Vermutlich hat es etwas damit zu tun, dass man für die Seen hier in der Gegend eine Lizenz kaufen muss und er kontrolliert das. So oder so sind wir von ihm nachhaltig irritiert.

Wir bauen unser Zelt auf, hängen die Hängematte und eine Wäscheleine zwischen die Bäume, ich schreibe, Caro legt sich in die Sonne und fängt dann an zu kochen. Unser Zelt findet seinen Platz auf der Wiese und nicht bei der Hütte, die oberhalb von einem Hang liegt. Vom See her kommt recht kalter Wind, der eine sehr angenehme Abwechslung zu der Hitze des Tages ist. Auch lange Klamotten sind gerade angenehm. Ich hab übrigens fast rechtzeitig mein Shirt wieder angezogen und mein Sonnenbrand hält sich in Grenzen. Caro hat zwar weniger Sonne abbekommen und sich vorher eingecremt, aber trotzdem einen miesen Sonnenbrand bekommen. Ihre Haut war es offensichtlich deutlich weniger gewohnt.


Überraschung am Morgen

Zwischen zwei und drei Uhr in der Nacht hören wir, wie Regen auf das Zelt fällt. Laut Wetterbericht sollte es trocken bleiben. Ich drehe mich im Halbschlaf um, höre, wie es langsam mehr wird und plötzlich fällt mir ein, dass die Wäsche noch zum Trocknen draußen zwischen den Bäumen hängt. Ich mach die Augen auf und sehe, dass nicht nur ich wach bin. Wir beeilen uns, aus den Schlafsäcken zu kommen. Raus aus dem Zelt. Die Wäscheleine mit allem, was drauf hängt geschnappt, jeder an ein Ende und schnell zur Hütte. Die Leine basteln wir provisorisch dort hin, wo sie keinen Regen abbekommt. Wir waren schnell genug und die Wäsche hat kaum etwas abbekommen. Jetzt gilt für uns nur noch schnell zurück ins Zelt, bevor es richtig losgeht.

Jap, und das schon vor dem Aufstehen. Noch ein paar Stündchen Schlaf sind drin, bevor es an das übliche Programm mit Frühstücken und Zusammenpacken geht. Das Zelt ist in der Morgensonne gut getrocknet und zeitig bereit zum Einpacken.

Während wir losfahren, wissen wir noch nicht genau, welche Strecke wir nehmen. Einige mögliche Schlafplätze haben wir markiert und der Rest läuft spontan. Der Fernradweg verläuft in einem ordentlichen Zickzack, nachdem es ein Stück entlang der E4 geht. Da sich der Verkehr sehr in Grenzen hält und die Schnellstraße auf dem Seitenstreifen reichlich Platz für uns bietet, entscheiden wir uns für sie. Es rollt gut und wir fahren Kilometer für Kilometer hintereinander her. Die Fahrt ist ansonsten recht unspektakulär. Mittagessen gibt’s in einem Städtchen, wo wir die Sitzgelegenheiten an einem kleinen Spielplatz nutzen.



Nach einem weiteren kleinen Stück auf der E4 fahren wir wieder auf die Nebenstraße. Hier ist fast kein Verkehr und die Straße sehr gut. Es rollt angenehm, obwohl die unzähligen Hügel deutlich zu spüren sind. Nach jeder Kuppe ist die Nächste schon in Sicht, was nach einer Zeit ein bisschen nervt. Die endlose Natur um uns herum macht das aber auch schnell wieder wett. Zwischen zwei Seen geht es abwärts und nach der Brücke sind wir da. Auf der rechten Seite sehen wir sie: eine hübsche kleine Hütte zwischen Straße und See.



Die kleine, sechseckige Hütte wirkt perfekt. In der Mitte ist eine Feuerstelle und ein Rauchabzug, der durch das spitze Dach nach oben raus geht. Innen ist sie deutlich größer als sie von außen wirkt und wir sind total happy. Der See ist traumhaft schön, aber nicht zum Baden geeignet. Das Ufer ist moorig und ziemlich verwuchert. Also gibt es heute kein Bad. Nach dem Essen machen wir in der Hütte noch ein Feuer. Sehr schnell stellt sich raus, dass der Abzug nicht richtig funktioniert. Vielleicht, weil er zu klein dimensioniert ist. Auf jeden Fall ist die Hütte schnell voller Rauch. Nach einigem Hin und Her ist das Feuer kleiner und raucht kaum noch. Es ist mittlerweile ziemlich spät. Wir legen uns zum Schlafen hin und wollen einfach nur noch Ruhe. Es fängt an zu summen. Erst eine Mücke, dann zwei und dann immer mehr. Sie kommen durch irgendwelche Ritzen oder Spalten und halten uns sehr erfolgreich vom Schlafen ab. Wir versuchen, sie zu ignorieren, aber kurz vor ein Uhr in der Nacht bauen wir ziemlich genervt das Zelt vor der Hütte auf. Sobald wir den ersten Fuß vor die Tür setzen, werden wir scharenweise von Mücken überfallen und gefressen. Schlussendlich liegen wir erleichtert im Zelt ohne weiter zerstochen zu werden. Das Summen der zahllosen Mücken, die um das Zelt schwirren ist ziemlich laut und ich mache mir Gedanken, was uns auf der weiteren Reise erwartet, bevor ich einschlafe.


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