/ Juli 19, 2021/ ...mit dem Fahrrad, Blog

Zerstochen, müde und gereizt wachen wir auf



In der Nacht, zur einen Hälfte in der Hütte zur anderen im Zelt, haben wir kaum geschlafen. Die Mücken fühlen sich hier offensichtlich ziemlich wohl und leisten uns beim Frühstück, dem Zusammenpacken und allem anderen Gesellschaft. Wir versuchen, einfach nur so schnell wie möglich weg zu kommen. Aber bevor wir losrollen, schweift mein Blick nochmal an dem Hüttchen vorbei auf den See, der vom endlosen Wald eingerahmt wird.

Wir machen uns auf den Weg Richtung Skellefteå. Etwa auf halber Strecke, kurz nach einer Abzweigung auf eine etwas kleinere Straße, ist am Straßenrad ein größeres Tier im Gestrüpp. Deutlich zu klein für einen Elch, aber vielleicht ein Rentier? Wir bleiben still stehen und warten. Es kommt aus dem Dickicht und frisst am Wegesrand Gräser. Leider kein Rentier, sondern „nur“ ein Reh. Natürlich auch ein schönes Tier, aber ich warte immer noch darauf, Elche oder zumindest Rentiere zu sehen.



Unweit bevor wir an der Stadt ankommen geht’s über einen traumhaften See. Zwei künstliche Landzungen von beiden Ufern sind in der Mitte mit einer Brücke verbunden und machen so die Überfahrt recht einfach. Mittagessen soll es geben, bevor wir in der Stadt ankommen. Leider finden wir am Weg kein hübsches Plätzchen und so sind wir schon quasi in der Stadt als wir etwas finden. Ein süßes kleines Plätzchen, das oberhalb des Flusses liegt und vom großen Bäumen beschattet wird. Der Schatten ist bei der heutigen Hitze auch wieder viel wert.

Jetzt geht es an die Besorgungen! Der Laden, den wir ansteuern, verkauft alles rund ums Angeln und Radfahren. Eine interessante Kombination, aber hier recht häufig. Da meine Iso-Matte immer mehr Luft verliert und ich kein Loch finden konnte, hab ich vor, hier eine neue zu kaufen. Das Modell, das ich mir auf der Homepage rausgesucht hab, gibt es nicht, da die Website nicht mehr aktualisiert wird. Eine ähnliche aufblasbare Iso-Matte tut es hoffentlich auch. Der nächste Stopp ist ein großer Supermarkt. Neben Lebensmitteln für die nächsten Tage suchen wir Spray gegen Mücken. Leider ist alles ausverkauft und wir versuchen es in der Apotheke. Die Verkäuferinnen wirken nicht so als ob sie sich wirklich sicher sind, dass das, was sie erzählen, richtig ist. Etwas gegen Mücken haben sie nicht, allerdings verkaufen sie uns Desinfektionsmittel, wovon wir auch nicht mehr viel haben.

Beim Einpacken sprechen uns nacheinander zwei Männer an. Beide sind direkt sehr begeistert von unserer Tour in den hohen Norden. Der Erste erzählt freudig, dass seine Frau aus den Dreiländereck (Schweden, Norwegen, Finnland) stammt und sie beide erst vor Kurzem dort bei Freunden und Verwandten gewesen seien. Der Zweite berichtet, er habe vor wenigen Tagen ein Pärchen bei sich aufgenommen, das wegen einiger Defekte nicht weiter fahren konnte und Ersatzteile besorgen musste. Sie sind seit wenigen Tagen auf dem weiteren Weg Richtung Nordkap und er meint, dass sie sich bestimmt freuen, wenn er ihnen schreibt, dass sie nicht alleine auf der Route sind.
Solche Begegnungen, bei denen man vorher nicht weiß, ob jemand sich beschweren will, weil man im Weg steht oder ob ein nettes Gespräch entsteht, machen solch eine Reise auch aus.

Gut bepackt verlassen wir die Stadt entlang der E4. Der Radweg verläuft parallel zur Schnellstraße und ist wie gewohnt traumhaft ausgebaut und vergleichsweise sehr angenehm zu fahren. Knapp 20 Kilometer weiter verlassen wir den Weg und radeln ein Stück ins Hinterland. Ein kleines Dörfchen und einige einzelne Häuser lassen wir hinter uns während wir nach und nach einen kleinen Berg bezwingen. Er ist zwar nicht groß, aber hoch genug um das gesamte Umland zu überblicken. Von dem kleinen Sträßchen geht ein sandiger Schotterweg ab. Er ist nicht nur an einigen Stellen ziemlich steil sondern auch voller Wurzeln. Also mal wieder alle Faktoren, die es mit einem schweren Fahrrad und Straßenreifen interessant machen. An einem Funkmast vorbei geht es über Felsen, die von Wind und Wetter glatt geschliffen wurden. Hier finden sich nur die robusteren Gewächse, die die Natur zu bieten hat. Wir kommen schnaufend an dem höchsten Punkt an und sind begeistert. Neben einem alten, schiefen Windschutz und einer Feuerstelle ist es der Blick, der die Stelle besonders macht. Wir stehen einige Momente einfach nur da, schauen in alle Richtungen und sind glücklich. Genau das, neue Orte zu entdecken, Erwartungen zu übertreffen und nach der Anstrengung mit so etwas belohnt zu werden, das ist es was Reisen ausmacht.



Wir bauen alles auf und machen Feuer. Was unglaublich angenehm ist, ist der stetige Wind, der über die Bergkuppe weht. Er macht nicht nur die Sonne und die Wärme sehr erträglich, sondern vor allem sind hier kaum Mücken. Wir können ohne lange Klamotten und ohne gefressen zu werden das Plätzchen genießen.



Wir haben darauf spekuliert, dass die eingezeichnete Feuerstelle tatsächlich existiert und dementsprechend eingekauft. Gemeinsam machen wir Feuer und dann Abendessen. Es gibt neben leckeren veganen Burgern mit verschiedenen Patties auch gegrillte Maiskolben. Ein bisschen frischer Saft dazu und schon hat man ein Abendessen, bei dem nichts fehlt.


Vor dem Schlafen gehen genießen wir den Sonnenuntergang, wobei man eher Dämmerung sagen muss, da die Sonne nicht wirklich untergeht und man auf die Dunkelheit vergeblich wartet.
Aus der Ferne hören wir das Knattern von Motorrädern. Es kommt langsam aber sicher näher. Eigentlich unwahrscheinlich, dass jemand abends noch hier hin fährt. Trotzdem kommt es immer näher und da sehen wir durchs Gestrüpp das erste Cross-Motorrad samt Fahrer. Dann ein zweites, ein drittes, insgesamt fünf. Sie stoppen unweit von uns. Anscheinend sind es Jugendliche, die hierher wollten. Sie bleiben nicht lange stehen, bevor sie umkehren und mit reichlich Lärm über die schmalen Pfade verschwinden.


Ich hab wunderbar geschlafen, auf der neuen Iso-Matte

Aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass am Abend noch mehr Luft drin war. Vielleicht bin ich auch einfach übervorsichtig und beobachte das zu genau. Einfach abwarten. Frisch und motiviert halten wir die Füße in die kühle Morgenluft. Mit Musik im Hintergrund und der Sonne auf dem Rücken machen wir uns fertig und packen unsere Sachen. Das Plätzchen ist so traumhaft, dass wir irgendwie ewig brauchen bis wir endlich los kommen.



Den holprigen, sandigen Pfad runtergerollt bis zur Straße und weiter Richtung Fernradweg. Ich hab mein Shirt heute erst gar nicht angezogen. Schon vor dem Losfahren waren wir am Schwitzen und die Sonne brennt weiter vom Himmel. Wir fahren auf alten Landstraßen, die noch gut erhalten aber relativ verlassen sind. Die wenigen Autos halten Abstand und es rollt gut. Plötzlich entdecke ich am Straßenrand einen Schuh. Ein alter Herrenschuh aus Leder. Er sieht abgewetzt und abgetragen, aber nicht kaputt aus. Das Seltsame ist nicht nur, dass er hier mitten im nirgendwo liegt. Nein, viel irritierender ist, dass es wirkt als wäre er nicht arglos weggeworfen, sondern mit Absicht am Straßenrad drapiert worden. Von seinem Gegenstück gibt es auch keine Spur. Wir fahren weiter.



Die gefühlte Endlosigkeit hab ich und auch Caro schon einige Male bei den Wäldern und Hügeln erlebt. Jetzt erwartet uns etwas Neues: Eine scheinbar endlose gerade Straße, die erst am Horizont endet, wo man sie kaum noch sieht. Wir fahren und fahren, bis wir kaum noch einen Unterschied zwischen dem Weg vor uns und dem hinter uns erkennen. Es ist verrückt, ich habe das Gefühl, nicht von der Stelle zu kommen und wir scheinen wie in einem Hamsterrad zu sein. Caro meint, dass die Hölle so sein könnte, dass man auf einer endlosen geraden Straße gefangen ist, man sie nicht verlassen kann und niemals ankommt, egal was man auch versucht. Die Vorstellung ist etwas gruselig.



Natürlich findet die Gerade auch ein Ende. Einige Kurven, Geraden und Hügel weiter finden wir ein Bänkchen am See. Perfekt für die Mittagspause. Wir haben festgestellt, dass wir bei der Hitze extrem viel Wasser brauchen und füllen unsere Reserven auf, bevor es für uns weiter geht. Für heute steht als Ziel keine Hütte auf dem Plan. Stattdessen peilen wir einen Badeplatz an. Bei dem Wetter brauchen wir eher eine Abkühlung als alles andere.



An der angepeilten Stelle sind wir positiv überrascht. Über den geschotterten Parkplatz geht es auf eine großflächige Wiese mit Bänken und Tischen. Auch ein Klo steht am Rad der Wiese zum Wald hin und für Kinder gibt es sogar einen Sandkasten und eine Schaukel. Wir machen uns direkt auf den Weg zur Badestelle, wo nicht nur feiner Sand am Ufer ist, sondern auch ein schwimmender Steg in den See ragt. Das Wasser ist kalt und verdammt erfrischend, nachdem wir uns den Tag über fast kaputt geschwitzt haben.



Während wir unseren üblichen Kram erledigen und kochen, kommen immer wieder kleine Grüppchen zum Baden. Teilweise auch Leute aus dem nahen Dorf, die in Badehose mit dem Fahrrad angeradelt kommen, reinspringen, sich abkühlen, sich abtrocknen und wieder gehen. Wir packen gerade zusammen, als eine kleine Gruppe trinkfreudiger Schweden den Abend mit ein paar Bier ausklingen lassen will. Sie sind zum Einen beeindruckt von unserer Tour, erklären uns aber auch für verrückt. Da wir total fertig sind und nur schlafen wollen, lehnen wir die Einladung auf ein Bier dankend ab. Dazu kommt, dass ich weiß, wie schwer sich die Beine anfühlen, nachdem man getrunken hat. Sie machen es sich mit ihren Hunden am Strand gemütlich und wir uns im Zelt. Nochmal auf die Karte geschaut, wo es in den nächsten Tagen hingeht und dann schlafen wir bald.


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