/ Juni 27, 2021/ Blog, Mit dem Fahrrad, Nordkapp-Tour 2021, Reisen

Die Sonne lacht schon lange bevor ich richtig wach bin

Meine verschwitzten Klamotten und das Handtuch, das am Vorabend durchs Baden klamm wurde, sind auf der provisorischen Wäscheleine zwischen zwei Nadelbäumen getrocknet.
Das Zelt ist zum Lüften komplett offen und der Schlafsack hängt auf links gedreht oben drüber. Ein leichter Wind weht. Und daneben sitze ich auf dem Boden, damit beschäftigt Kaffee und Porridge zu kochen.

Ich bin gestärkt, das Bike bepackt und es geht los. Die ersten Meter geht es zu Fuß. Der Pfad ist viel zu schmal, zu wurzelig und zu verwachsen, um ihn zu fahren. Nach ein paar hundert Metern erwartet mich ein Bach und eine winzige, sehr morsche Brücke. Naja, besser gesagt: Zwei gammlige Baumstämme, auf die, vor langer Zeit, Bretter genagelt wurden. Einige Bretter sind schon gebrochen. Zu Fuß hält sie, aber sicher, ob sie mich und mein Rad hält, bin ich mir erst in dem Moment als ich das knarzende Ding verlassen hab.

Der weitere Weg Richtung Straße ist schmal und verwuchert, aber befahrbar. An einigen wenigen sandigen Stellen muss ich erneut schieben was Kraft kostet. Der Weg wird deutlich besser und durch den lichten Wald schimmern kleine Häuser. Ab hier ist alles wieder ganz easy. Zumindest bis ich vor einem eisernen Tor stehe. Seltsam ist, dass ich auf der Innenseite stehe. Ich kam weder an einem Zaun, einer Schranke oder einem Schild vorbei. Das Tor wirkt auch eher wie Dekoration. Auf beiden Seiten sind kleine etwas mehr als kniehohe Mäuerchen. Kein Zaun, nichts weiter. Ich fahre also außen rum, befinde mich jetzt auf der „richtigen Seite“, also „draußen“ und schaue mir die Sache irritiert an, bevor ich mein Weg Richtung Straße fortsetze.

Den kleinen See im Rücken geht es jetzt auf den Großen zu. Er heißt Vättern und ist nach seinem Nachbarn, dem Vänern, der zweitgrößte See in Schweden. Mit über 1886 Quadratkilometern Fläche ist er mehr als dreimal so groß wie der Bodensee und wirklich beeindruckend, während er in der Ferne langsam zu erkennen ist. Der Fernradweg verläuft zum größten Teil einige Kilometer entfernt parallel zum See. Ich lass es mir also nicht nehmen, mir eine eigene Route direkt am See entlang zu basteln. Während ich am Straßenrand eine Snack-Pause einlege, hält ein Auto an und kommt rückwärts zu mir zurück. Der Fahrer spricht mich auf Schwedisch an, wechselt aber sofort auf Englisch als er feststellt, dass ich ihm nicht folgen kann. Er hat angehalten, um mir einen Weg am See zu empfehlen. Den Fernweg kennt er, aber auch eine deutlich schönere Alternative direkt am See entlang. Also weg von der Straße auf die nächste Schotterpiste. Und es lohnt sich.



Den nächsten Stopp mache ich in Hjo. Das süße kleine Städtchen liegt mit seiner schönen Altstadt direkt am Vättern. Hier kaufe ich Lebensmittel für die nächsten Tage und mache in einem Park mit Seeblick entspannt Mittagspause. Mein Plan für diesen Abend ist es, einen Unterstand mit einer Feuerstelle zu finden. Auf meinem Weg hab ich einige gefunden, hatte aber nie was zum Grillen dabei. Heute hab ich was zum Grillen, also fehlt „nur“ noch eine Hütte mit Feuerstelle. Ich mach mich auf den Weg in Richtung der Hütten, die ich mir ausgesucht habe. Sie sind alle direkt an einem See, der unweit von Vättern entfernt ist.



Es wird langsam Abend und ich freue mich anzukommen. Ich hoffe, dass die erste Hütte direkt ein Volltreffer ist. Ich biege von der Straße auf einen kleineren Weg ab und muss nach einigen Kilometern feststellen, dass die eingezeichnete Hütte auf Privatgelände steht. Die Zweite bekomme ich gar nicht zu Gesicht, sondern nur den geschlossenen Eingang eines Campingplatzes. Also weiter! Nummer 3 steht auch auf Privatgelände und die vierte und letzte Option gehört einem Wasser-Sport-Verein. Ich fahre den Weg weiter um zur Straße zu kommen und stelle fest, dass der Weg in einer Sackgasse endet und nur ein Pfad zur Straße führt. Da die etwa 15 Kilometer Umweg nicht verlockend klingen, heißt es mal wieder: Auf ins Ungewisse! Auf ins Abenteuer!
Zum Einstieg geht‘s ziemlich steil bergab, aber gerade so noch fahrbar. Schnell wird der Pfad wurzeliger und Schieben ist angesagt. Die Strecke zieht sich und das Vorankommen wird immer schwieriger. Als Nächstes erwarten mich mehr und mehr schlammige Pfützen, die in einem moorigen Matsch-Pfad gipfeln. Umkehren ist keine Option, da der Weg bis hierher schon kein Spaß war. Der Blick nach vorn verspricht auch keine Besserung. Scharen von Stechmücken sorgen dafür, dass ich ohne Pause weiter durch den Schlamm wate. Wie alles hat auch der Pfad ein Ende und ich freue mich über den geschotterten Weg.



Nach einem knackigen Anstieg zur Straße bin ich außer Reichweite der schlimmsten Stechmücken-Massen und suche eine neue Hütte. Knapp 20 weitere Kilometer. Auf und ab. Die Schotterpiste wird kurz vor dem Ziel wieder zu einem Pfad. Ich hoffe, dass er befahrbar bleibt und ich endlich ein Nachtlager finde. Nach zwei Matschlöchern sehe ich die Hütte am See. Ein See, der umringt von Wald im Nirgendwo liegt und in dem sich die Abendsonne spiegelt. Aus der Wasseroberfläche ragen schroffe, felsige Inseln, die nur mager bewachsen sind. Nur eine ist mit reichlich Bäumen bewachsen. Die Hütte liegt am Ende des Pfades auf einer Landzunge, die sich in dem See erstreckt. Der anstrengende Weg hat sich definitiv gelohnt! Der Rundum-Blick in diesem Schmuckstück der Natur ist traumhaft! Neben der Hütte mit der Feuerstelle und Brennholz hab ich übrigens auch noch einen Steg, der in den See ragt und zum Baden einlädt.



Von einem kleinen Hügel am Ende der Landzunge sehe ich den See, mein Nachtlager, den Steg und bin einfach überwältigt von der unfassbaren Schönheit. Ich zieh mir meine Badehose an und strecke meine Füße in den See. Er ist kalt aber angenehm. An dem Steg ist das Wasser tief genug. Das heißt Anlauf nehmen und kopfüber rein!



Nach dem erfrischenden Bad und dem Planschen im See mach ich Feuer und bereite mein Abendessen vor, auf das ich mich schon sehnsüchtig freue. Neben die Glut lege ich große Steine und balanciere ein Grillrost darüber. Über die Glut lege ich würzige Gemüse-Patties sowie Scheiben aus Halloumi Käse mit Chili und warte bis beides leicht kross ist und wunderbar duftet. Das in Kombination mit dem angerösteten Mini-Fladenbrot lässt mir das Wasser im Mund zusammen laufen. Die Kombination aus würzig und scharf runde ich mit einem bisschen Kirsch-Marmelade ab. Eventuell liegt es an meinem Kohldampf, aber jeder der vier improvisierten Burger schmeckt mir besser als der andere.
Nach dem Festmal schaue ich noch einige Zeit über den See, bevor ich mich vollgefuttert und zufrieden zum Schlafen hinlege.


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