/ August 3, 2021/ Blog, Mit dem Fahrrad, Nordkapp-Tour 2021, Reisen

Heute heißt es Daumen drücken

Trotz unserer Zelt-in-der-Hütte-aufbauen-Aktion haben wir dann doch noch eine ordentliche Portion Schlaf bekommen. Wir starten mit der üblichen Morgen-Routine in den Tag und hinterlassen eine Nachricht in dem Gästebuch der Hütte bevor wir gehen. Wir fegen einmal durch und hinterlassen die Hütte so schön, ordentlich und aufgeräumt wie wir sie vorgefunden haben. Eigentlich hätte es gestern regnen sollen, was es nicht getan hat, naja, heute soll es auf jeden Fall trocken bleiben.



Unser Ziel für heute ist es, an die Grenze zu radeln und nach Finnland einzureisen. Eigentlich sollte alles klappen, allerdings ändern sich die Einreisebestimmungen wöchentlich. Das Problem: In Schweden sinken die Fallzahlen zwar, allerdings zählt ausgerechnet der nördlichste Zipfel als rotes Gebiet.

Wir fahren auf dem geschotterten Weg in Richtung der grünen Grenze. Die beiden Länder sind durch einen großen Fluss voneinander getrennt. Da Brücken relativ rar sind, fahren wir nach Haparanda und Tornio. Es ist ein ziemlicher Umweg, allerdings wollen wir schnellstmöglich über die Grenze bevor sich Bestimmungen verschärfen. Während wir auf dem Schotterweg unterwegs sind, zieht es langsam zu. Wolken waren im Wetterbericht vorhergesagt, der plötzliche und starke Platzregen allerdings nicht. Wir sind nass bevor wir es schaffen, die Regenjacken anzuziehen. Der Regen hält nicht sehr lange an. Nach einem kurzen Snack geht’s bei starkem Gegenwind weiter Richtung Ostsee. Die beiden Städte liegen an der Küste am nördlichen Zipfel der Ostsee. Haparanda auf der schwedischen, Tornio auf der finnischen Seite. Beide Städte wirken auf den ersten Blick wie eine große Stadt, die nur durch einen Fluss durchschnitten wird. Wir nähern uns der Stadt und merken den Gegenwind in unseren Beinen. So windig und wechselhaft hatte ich mir das skandinavische Wetter vorgestellt. Anscheinend hatten wir in den letzten Wochen einfach sehr viel Glück.

Unsere erste Anlaufstelle ist eine kleine Brücke bei einem Golfplatz. Schon ein gutes Stück vor der kleinen Brücke ist eine Absperrung mit Rot-Weißem Flatterband. Die Grenzbeamten, die etwa 100 Meter weiter stehen, geben uns Zeichen, dass hier kein Durchgang ist. Um die nächste Ecke treffen wir auf eine Finnin, mit der wir uns nicht wirklich verständigen können. Aber offensichtlich ist der Transit wohl möglich. Irgendetwas mit IKEA hat sie uns klar machen können. Vielleicht meint sie die Brücke, beziehungsweise den Grenzübergang dort. Wir machen uns auf den Weg zu unserer zweiten Option.

Vorbei an einigen Einkaufszentren rollen wir auf die Brücke zu. Die Schnellstraße, die über die Brücke direkt auf eine große, improvisierte Grenzstation zugeht, ist dicht befahren und wir sind nicht scharf darauf, zwischen den LKWs umherzufahren. Ein Radweg führt parallel. Wir folgen ihm, müssen aber recht schnell feststellen, dass er in einer Sackgasse endet. Der eingezeichnete Radweg existiert nicht. Stattdessen stehen wir auf einer teils geteerten, teils geschotterten Fläche, auf der massenhaft Möwen brüten. Wir drehen um und sehen vor dem Schild, dass hier der schwedische Fernradweg beginnt. Irgendwie wirkt das hier wie ein Planungsfehler, bei dem niemand den Fluss bedacht hatte.



Jetzt machen wir einen Bogen, um unter der Schnellstraße hindurch, um das Gewusel des Verkehrs herum, auf die andere Seite zu kommen. Tatsächlich klappt das auch und wir rollen auf zwei Grenzbeamte zu, die neben ihrem Fahrzeug an Bauzäunen stehen. Wir setzen unsere Masken auf und rollen die letzten Meter auf sie zu. Caro fragt, ob ihnen Schwedisch oder Englisch besser passt. Da das Englisch der beiden besser ist, einigen wir uns darauf. Die Tatsache, dass wir Deutsche sind und ihnen beide Sprachen anbieten können, irritiert sie ein bisschen. Nach unseren Ausweisen wollen sie die Impfpässe sehen. Ich werde gefragt, warum ich nur mein gelbes Heftchen und keinen digitalen Impfpass habe. Er sagt, dass er den digitalen seit kurzem auch bei deutschen Einreisenden gesehen hat. Ich erkläre den beiden, dass es, als ich mit dem Fahrrad in Deutschland losgefahren bin, den digitalen Impfpass noch nicht gab. Am Gesichtsausdruck können wir deutlich sehen, dass den beiden erst jetzt klar wird, dass ich die komplette Strecke geradelt bin. Außerdem fällt den beiden ein, dass Deutschland bei allem, was Digitalisierung angeht, ziemlich langsam ist. Wir stimmen zu und damit ist das Thema erledigt.

Dass wir bei allem, was digital läuft, nicht vorne mit dabei sind, ist klar. Aber ich hätte nicht erwartet, dass über die Grenzen hinweg klar ist, wie sehr Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinkt. Naja, so oder so: Wir sind in Finnland. Mit dem Fahrrad bis hierher….

Jetzt geht es erstmal ans Einkaufen und dann essen wir auf dem Parkplatz eine Kleinigkeit bevor es weiter geht. Die nächsten Punkte sind: Benzin für den Kocher kaufen, Wasser auffüllen und an einer Tankstelle die Reifen ordentlich aufpumpen. Die Zeit läuft auch wieder viel schneller als es uns lieb ist.

Wir fahren Richtung Küste, wo eine kleine Hütte sein soll. Auf unserem Weg fallen uns schnell einige Unterschiede der beiden Länder ins Auge. Neben den Radwegen, die schlechter sind, fällt es auch an den Straßen und der restlichen Infrastruktur auf: Schweden ist im europäischen Vergleich ein relativ reiches Land, was man bei genauerem Betrachten der finnischen Infrastruktur deutlich sieht. Die Häuser sehen allesamt etwas weniger gepflegt aus und man sieht mehr uralte landwirtschaftliche Maschinen. Es scheint einfach insgesamt weniger Geld vorhanden zu sein. Nur wenige Kilometer weiter ändert sich das Bild und wir fahren durch eine sehr gepflegte Neubausiedlung mit großen Häusern auf riesigen Grundstücken und dekadenten Villen. Der Kontrast ist ein bisschen irritierend. Irgendwie ist das Geld wohl schon da, allerdings ungleichmäßig verteilt. Der Anblick erinnert mich ein bisschen an die Tage, an denen ich durch die vielen kleinen Dörfer in den ländlichen Gegenden der neuen Bundesländer gefahren bin. In beiden Fällen ist die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur scheinbar weit geöffnet, sondern auch deutlich zu sehen.

Wir kommen unserem Nachtlager näher. Von der Straße geht es wieder mal auf eine Schotterpiste und in Richtung eines Steinbruchs. Wir kommen an der Stelle an, an der die Hütte sein soll. Nun ja, hätte, wäre, wenn… hier ist absolut nichts. So läuft´s manchmal, nur doof, dass es mittlerweile nach acht Uhr abends ist und wir beide Hunger bekommen. Vorbei an einem Steinbruch geht’s Richtung Norden. Auf unserem bisherigen Weg haben wir keine Möglichkeit zum Zelten gefunden. Auf offensichtlich privaten Grundstücken schlagen wir unser Zelt definitiv nicht auf und der Wald hier ist viel zu dicht für ein Zelt. Wir peilen einen kleinen Berg an, wo einige Schutzhütten sein sollen. Die Landschaft und die Natur sind hier genau wie in Schweden einfach traumhaft schön. Während wir über verschiedene Rad- und Waldwege fahren, sind wir froh, dass die Sonne hier nicht wirklich untergeht und es auch nachts relativ hell bleibt.

An dem kleinen Berg angekommen, klappern wir nacheinander die Hütten ab. Die erste ist ziemlich schön an einem Hang gelegen. Um sie herum ist ein großer geschotterter Platz mit einer großzügigen Cross-Fit Anlage und ich Sichtweite ist ein Hundeübungsplatz, an dem noch ordentlich Betrieb ist. Hier werden wir definitiv keine Ruhe haben. Die zweite Hütte ist nicht vorhanden. Stattdessen ist hier alles wegen einer Baustelle umzäunt. Hütte Nummer drei ist recht klein und der Platz zum Zelten ist ziemlich offen einsehbar. Irgendwie sitzen wir hier überall auf dem Präsentierteller. Auf dem Weg zu Hütte Nummer vier gehts an einer Frisbee-Golf Strecke entlang und steil bergauf. Ich schaffe es gerade so, den immer steiler werdenden Anstieg hoch zu fahren, Caro schiebt die letzten Meter. Die Schutzhütte ist ein riesiges hölzernes Tipi. Es steht umringt von Bäumen zusammen mit einem anderen, kleineren Tipi, einer Hütte mit integrierter Bar, einer Freilichtbühne und zwei Klohäuschen auf einer Lichtung unweit vom steilen Weg entfernt. Wir sind beide ziemlich platt und wollen schnellstmöglich etwas essen und ins Zelt. Während ich das Zelt aufbaue, Iso-Matten, Schlafsäcke und alles andere zum Schlafen richte, kümmert sich Caro ums Essen.


Heute ist Büro-Tag

Ziemlich unspektakulär, aber es muss auch mal sein. Nach dem Aufstehen und dem Frühstück starten wir beide in unseren Büro-Tag. Das ist definitiv etwas, womit ich nicht gerechnet hab. Den Papierkram wird man einfach nicht los. Auch die Tatsache, dass vieles digital ist, macht es nicht unbedingt spaßiger. Neben ein paar privaten Sachen muss ich mich um ein paar Kleinigkeiten an meiner Blog-Seite kümmern. Und Schreiben ist auch wieder mal dran.

Caro hat neben ihrem Studium ein paar Nebenjobs, bei denen sie immer wieder Texte für Magazine und eine Zeitung schreibt. Das steht bei ihr heute auf dem Plan. Wir machen es uns bei dem Tipi gemütlich und hängen eine Hängematte auf, damit wir ein bisschen Abwechslung beim „rumsitzen“ haben.

Der Rest des Tages ist ähnlich interessant. Außer Caros kurzem Spaziergang passiert nichts und ich würde sagen, wir springen zum nächsten Tag.


Jetzt schauen wir uns Finnland an!

Die Nacht war ruhig und wir kommen mal wieder nicht zeitig aus den Schlafsäcken. Frühstücken, Packen und es geht los. Wir kehren dem tollen Plätzchen den Rücken und fahren zu den nahegelegenen Toiletten um Wasser aufzufüllen. Die Toiletten sind zwar an genau der Stelle, an der es die Karte verspricht, allerdings bringen sie uns leider gar nichts, da sie abgeschlossen sind.

Wir sind schon ein gutes Stück nördlich von Torneo und hier ist die Besiedelung relativ spärlich. Von unseren Wasser-Reserven ist mal wieder nicht viel übrig, da wir bei der anhaltenden Hitze unglaublich viel trinken müssen. Bis zu einer Tankstelle, an der es hoffentlich Wasser geben sollte, sind es noch knapp 30 Kilometer. Es ist kein gutes Gefühl zu wissen, dass man praktisch keine Reserven mehr hat und darauf angewiesen ist, zeitnah aufzufüllen. Klar, zur Not können wir auch Wasser aus Flüssen oder Bächen auffüllen, entkeimen und dann trinken. Allerdings ist Wasser aus der Leitung meistens die sicherere Wahl.

Generell fällt uns immer wieder auf, wie unglaublich wichtig diese grundlegenden Dinge wie Trinkwasser und vernünftiges Essen sind. Natürlich ist das grundsätzlich jedem klar. Aber wir sind in einem Teil der Welt aufgewachsen, in dem es völlig normal ist, dass Trinkwasser zu jeder Zeit aus jedem Wasserhahn kommt, bedenkenlos trinkbar ist und Lebensmittel in jedem Dorfsupermarkt zur Verfügung stehen. Ich glaube, wir vergessen, oder sind uns einfach nicht bewusst, welches unglaubliche Privileg wir haben.

An der Tankstelle in dem kleinen Dörfchen angekommen, füllen wir unsere Vorräte mit frischem kühlem Wasser auf. Wir sind an dem Fluss „Kemijoki“ unterwegs. Er fließt parallel zur E75 Richtung Süden. Auf unserer Suche nach einem schönen Plätzchen für die Mittagspause fahren wir weiter an ihm entlang bevor wir aufgeben und einfach an einer Haltebucht direkt an der Straße kochen. Der Plan ist, nach der Stärkung, noch einige Kilometer zu machen und dann eine Stelle zu finden, an der wir baden und den Schweiß der letzten Tage abwaschen können. Parallel zu der Schnellstraße und dem Kemijoki verläuft auch eine Landstraße. Hier ist ein bisschen weniger Verkehr und es lässt sich ziemlich angenehm fahren. Wir fahren abwechselnd auf beiden Seiten des Flusses. Die Straßen und auch die Radwege sind hier deutlich besser als es der erste Eindruck in Torneo hat befürchten lassen. Wir fahren durch die Pampa und lassen die Gedanken schweifen.

Von dem Radweg neben der Schnellstraße zweigt ein kleiner Weg ab. Er führt auf den Fluss zu und führt dann über eine Brücke auf eine langgezogene Insel im Fluss. Wir biegen noch einmal ab und eiern langsam über einen Schotterweg, der zum großen Teil aus Schlaglöchern besteht, bis wir das Ende der Insel erreichen. Hier finden wir eine riesige neue Hütte die man mieten kann, eine kleinere, die offensichtlich dazu gehört und, was uns mehr interessiert: abseits steht ein alter Windschutz am Wasser und hier ist auch genug Platz für unser Zelt. Wir können hier problemlos übernachten und vor allem baden gehen.



Wir stellen unser Zelt auf und machen uns direkt auf zur Abkühlung. Während wir im Wasser sind, fällt uns auf, dass einige kleine Boote mit Anglern auf dem Wasser unterwegs sind. Im Vorbeifahren winken uns zwei ziemlich gut gelaunte Männer zu. Wir baden weiter und wollen gerade raus als die beiden wieder vorbei fahren und uns etwas zurufen. Schnell wechseln wir zu Englisch und unterhalten uns kurz auf Zuruf. Die schreien uns noch ein „Welcome to Finnland“ zu, bevor sie weiter tuckern.

Wir sind aus dem Wasser raus und ziehen uns an, als wir merken, dass die beiden mit ihrem Boot an der kleinen Insel anlegen und zu uns kommen. Sie fragen uns, wo wir herkommen und sind beeindruckt von der Tour. Die beiden verbringen den Tag damit zu angeln und Bier zu trinken. Wobei das Angeln eher die Nebenbeschäftigung ist. Die beiden sind offensichtlich auch schon gut angetrunken. Sie bieten uns ein Bier an und laden uns zu ihrer Hütte ein. Wir sollen unser Zeug einfach da lassen und mit ihnen kommen. Sie haben ja schließlich alles was wir brauchen: Bier, Schnaps, Essen, eine Sauna, einen Whirlpool. Dass wir unsere Fahrräder und unsere Ausrüstung nicht alleine lassen wollen, verstehen sie. Trotzdem bieten sie uns an, dass wir jederzeit vorbei kommen können. Einfach nur die 300 Meter durch den Fluss zur anderen Seite schwimmen. Wir sind uns nicht ganz sicher, aber wir glauben, dass die beiden einfach zwei nette und offene Männer mittleren Alters sind, die gut getrunken und ein bisschen Langeweile haben.

Wir machen uns etwas zu Essen, während immer wieder Leute zum Angeln vorbei kommen. Zwei Kumpels, ein Pärchen, zwei kleine Familien… So vergeht der Abend an dem offensichtlich beliebten Platz.

Wir wollen gerade schlafen gehen, als unsere Bekannten vom Nachmittag wieder mit ihrem Boot bei uns ankommen. An sich wollen wir nur noch schlafen. Außerdem haben wir nicht vor, unsere komplette Ausrüstung wieder einzupacken und mit den Fahrrädern auf das Boot klingt auch nach keiner guten Idee. Sie kommen zu uns gelaufen und haben offensichtlich noch bessere Laune, was wahrscheinlich am Alkohol liegt. Sie wollen nicht einfach nur noch mal fragen, ob wir es uns anders überlegt haben, nein, sie haben sogar ein anderes, größeres Boot mitgebracht. Ganz stolz sagt einer, dass hier die Fahrräder bestimmt drauf passen. Wir sind davon nicht wirklich überzeugt und der Pegel der beiden macht mir tatsächlich mehr Sorgen als das Boot. Er meint, dass er damit gerechnet hat. So oder so sind wir jederzeit willkommen und wenn wir es uns anders überlegen, steht das Angebot nach wie vor. Auch wenn wir irgendwann anders wieder in Finnland sein sollten.

Die beiden machen sich auf den Weg zu ihrer Hütte und wir versuchen zu schlafen. Das ist allerdings nicht ganz einfach. Hier im hohen Norden, wir sind nicht mehr weit vom Polarkreis entfernt, ist es einfach gesagt im Winter dunkel und im Sommer hell. So kommt es, dass um ein Uhr nachts immer noch Leute zum Angeln kommen. Die Party auf der anderen Flussseite scheint übrigens auch ohne uns gut zu sein. Es ist nicht nur an der Musik zu hören, dass die beiden Spaß haben.

Ich würde sagen, der erste Eindruck von Finnland ist alles andere als langweilig!


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