/ September 9, 2022/ ...zu Fuß, Alltags-Abenteuer, Blog



Es geht los! Vor Sonnenaufgang…..

Der Wecker klingelt um Punkt drei Uhr. Ich merke, dass ich nicht wirklich tief geschlafen hab. Ohne großartig zu überlegen stehe ich auf. Vermutlich liegt es an der Aufregung und der Vorfreude die seit gestern Abend in meinem Bauch ist. Vielleicht ist es auch einfach zu früh um mir die Frage zu stellen, was zur Hölle wir hier um diese unmenschliche Zeit machen.

Wir machen uns möglichst leise frisch, schnappen unser Zeug und machen uns auf den Weg in die Gemeinschaftsräume um die anderen beiden Jungs im 4er-Zimmer nicht komplett zu wecken.

Letzte Kleinigkeit im Rucksack rumräumen und dann Frühstück machen. Die Basis für die Tour soll Porige sein, oder Haferschleim. Is das Gleiche klingt nur besser. Dazu gibts ein Kaffee und schon geht‘s los.

Vom Hostel geht’s ein kleines Stück an der Hauptstraße entlang bis zum Beginn des endlos wirkenden Aufstiegs. Vorbei an den letzten Häusern, Hotels und Hostels wird es, beleuchtet von unseren Stirnlampen, grüner. Der Pfad führt quer durch einen Campingplatz und über Skipisten.


Der Weg zum eigentlichen Weg ist am Rand schwarzer Skipisten. Seltsamer Einstieg um warm zu werden. Langsam aber sicher macht der Sternenhimmer Feierabend und lässt sich von der anbrechenden Morgendämmerung ablösen. Vor uns baut sich eine giganische und einschüchternde Felswand auf. Sie schimmert aus der Dunkelheit. Ihre Oberkante hat sich noch nicht wirklich von der Nacht getrennt. So oder so hält sie den Gipfel und unser Ziel hinter sich versteckt.

Ich weiss bis heute nicht ob es Vernunft war oder der Einschüchterungsversuch der Natur Erfolg hatte. So oder so hatten wir in diesem Moment das Gefühl, dass wir eigentlich keine Ahnung haben worauf wir uns eingelassen hatten.


Nach der Skipiste dauert es nicht mehr lange bis aus dem steilen Wanderweg Serpentinen werden. Die Vegetation ändert sich. Bäume werden rar und Stück für Stück von Sträuchern abgelöst. Die Wiesen werden dünner bevor sie nur noch ganz vereinzelt, wie kleine Flicken, zwischen dem endlosen Fels und den Geröllfeldern zu entdecken sind. Langsam aber sicher hat der Sonnenaufgang nicht nur dafür gesorgt, dass wir den Weg vor uns ohne Stirnlampe sehen sondern auch der Blick ins Tal zeigt uns was wir bereits geschafft haben.

Die Serpentinen führen uns an und über das so genannte Gamskar. Auf den steil abfallenden Felsen bietet sich ein kaum fassbarer Blick. Der Morgentau, den wir zu Beginn gesehen und gespürt haben, hängt als dichter Nebel im Tal, die Oberfläche glattgestrichen wie Sahne auf einer Torte. In der Ferne ziehen Wolken über Berggipfel und werden von ihnen in Fetzen gerissen.

Das Grinsen in meinem Gesicht wird immer breiter und ist fest entschlossen zu bleiben. Der Ausblick ist nicht der einzige Grund dafür. Der gigantische, einschüchternde Berg der vor uns ins Unendliche geragt ist, hat nichts von seiner Wirkung verloren. Der Unterschied ist, dass wir uns nicht mehr nur am, sondern mittlerweile mitten im Berg befinden. Mit jedem Höhenmeter wird die Umgebung beeindruckender, wodurch ich mich im Vergleich zu dieser unbeschreiblichen Naturgewalt klein und unbedeutend fühle. Die Dinge über die man sich im Alltag den Kopf zerbricht schrumpfen mit, das Grinsen wächst. Und das Gefühlt von purer Freiheit gleich mit.


Unser Weg wird langsam etwas anspruchsvoller und führt uns unter den noch ruhenden, stählernen Seilen der Tiroler Zugspitzbahn hindurch und über einen Bergrücken von wo aus wir einen freien und traumhaft schönen Blick auf den Eibsee haben. Wir stellen aufs neue fest, dass wir viel Zeit mit dem Versuch verbringen, das zu begreifen was wir vor unseren Augen haben. Der Versuch scheitert vermutlich nicht nur bei uns.

An der Wiener-Neustädter-Hütte angekommen, machen wir Rast und genießen bei einem Cola-Weizen (alkoholfrei) den unfassbaren Blick. Ein älterer Mann, der scheinbar hier genächtigt hat, fragt uns etwas amüsiert, ob wir den Morgen mit einem Bierfrühstück beginnen. Unsere Antwort, dass das Frühstück bei uns schon einige Stunden her ist, irritiert ihn kurz, was man an seinem Blick sieht, bis ihm klar wird, dass wir im Tal gestartet sind.

Wir fangen an uns für die zweite Hälfte und den kniffligeren Teil der Tour vorzubereiten. Klettergurte werden angelegt, das Klettersteig-Set befestigt, noch ein letztes mal überlegen ob der dünne Pulli im Rucksack bleibt oder angezogen wird… Von weitem hört man einen Helikopter der direkt auf uns oder besser gesagt, auf die Hütte zufliegt. Und zack, ist er da! Über der winzigen, mehr oder weniger ebenen Fläche zwischen Hütte und dem steilen Abhang setzt der Pilot seine Maschine mit einer atemberaubenden Präzision auf dem felsigen Untergrund ab. Nach kaum mehr als einer Minute haben mehrere Männer samt Gepäck und Ausrüstung den Helikopter verlassen, der direkt wieder abhebt und sich nach wenigen Metern über die Kante steil ins Tal stürzt. Der Pilot hat nicht nur gute Nerven sondern auch Spaß bei der Arbeit.

Mittlerweile sind ein paar Grüppchen auf dem selben Pfad unterwegs. Der schmale Weg führt uns alle im Zick Zack durch ein Geröllfeld. Schon von der Hütte aus ist zu sehen wohin er uns führt. Zu einem Riss in der steilen Felswand. Der klein wirkende Riss aus der Entfernung ist der Klettersteig vor dem wir jetzt stehen. Er trägt den Namen “Stopselzieher“. Eine Familie, “Kinder“ in unserem Alter und die Eltern, lassen uns mit den Worten “Geht ihr mal voraus, ihr seid eh schneller als wir“ vorbei. Also klinken wir unsere Karabiner in das Stahlseil ein und schon gehts los. Nach einigen Metern, der Beginn des Klettersteigs ist schon lange ausser Sicht, kommen wir zur Besonderheit dieser Route. Der gigantische Riss geht in eine steile Höhlen über. Wie Perlen an einer Kette gehen wir, gesichert an dem Stahlseil, in Richtung dem oberen Ende der Höhle an dem Tageslicht ist.

Ich wollte Abenteuer, ich habe Abenteuer!


Basti und ich sind einfach nur happy hier zu sein und diesen Blick genießen zu dürfen.

Die Menge der überwundenen Höhenmeter bewegt sich schon lange im dreistelligen Bereich. Langsam aber sicher merken wir die Auswirkungen. Ich merke einfach, dass es anstrengend ist, Basti hat allerdings etwas zu kämpfen. Seine Kondition wird auf die Probe gestellt und spätestens jetzt muss der Wille unter Beweis gestellt werden. Immer wieder legen wir kleine Trinkpausen inclusive Energie-Riegeln oder Gels ein. So sehen wir immer wieder die Familie, die uns mehrmals zum Ende unserer Päuschen einholt. Was für den einen notwendig ist, ist für den anderen purer Luxus. In jeder Verschnaufpause genieße ich den sich verändernden und immer unfassbar werdenden Blick ins Tal und auf die anderen Berge, die von hier oben langsam klein wirken.

Das Ende des Klettersteigs erreichen wir gemeinsam mit dem Paar, das uns am Fuß der Felswand großzügig vorgelassen hat. Ihre „Kinder“ warten schon oben. Ich finde es unglaublich wie fit der Vater noch ist. Die Route war alles andere als einfach, weder konditionell noch technisch. Ich hab leicht reden, allerdings ist es eine Komplett andere Welt, wenn man 67 Jahre alt ist. Definitiv beeindruckend und erstrebenswert.


Die letzten Meter zur Gipfelstation führen uns über einen versicherten felsigen Pfad. Wir gehen an die gigantische Plattform ran und steigen die Stählernen Treppen nach oben, in keinster Weise darauf vorbereitet was uns nach unserem ruhigen, fast einsamen Aufstieg hier erwartet:
Nach der letzten Stufe stehen wir mitten in einer wuseligen Traube klischeehafter Touristen. Alles an ihnen schreit, dass sie keinen Höhenmeter hierher selbst überwunden haben. Der winzige Souvenir-Shop direkt neben uns ist vor Menschen kaum zu sehen. Wir schieben uns durch die Menschenmenge, was recht gut geht. Zumindest bis mitten im Durchgang zwei geschniegelte Männer in schicken Anzügen und glänzend polierten Schuhen stehen. Sie halten ihre Handys so hoch sie können, um den kleinen Stand vor ihnen zu filmen, an dem ein älterer Mann mit weißen Haaren frische Bratwürste verkauft. Wir sind von einem Moment auf den anderen in einer völlig anderen Welt gelandet, die uns gar nicht gefällt. Hier wird Ruhe durch Hektik ersetzt, die Rücksicht im Klettersteig wird hier von grobem Gedrängel abgelöst. Wir gehen das letzte Stück auf das Gipfelkreuz zu. Schnell ist uns klar, dass wir uns das sparen. In diese wartende Schlange aus wild durcheinander quasselnden, Selfies machenden Menschen in FlipFlops, reihen wir uns nicht ein. Nach einer kleinen Pause mit ein paar Riegeln verlassen wir diese Welt auf schnellstem Wege wieder.

Für den Abstieg haben wir den Weg ins Reintal gewählt. Unsere Klettergurte und das restliche Sicherungs-Equipment wird nicht mehr gebraucht und ist im Rucksack verstaut. Von der Spitze abwärts geht es über einen versicherten Pfad, der erst am Grad entlang und dann abwärts zu einem steilem Geröllfeld führt. Es ist kurz nach Mittag und wir haben zunehmend Gegenverkehr. Das Treiben hier zwischen all den Wanderern ist viel angenehmer als oben. Man nimmt Rücksicht aufeinander und so kommt man immer wunderbar aneinander vorbei. Im Geröllfeld haben wir riesigen Spaß. Die losen Steine sorgen dafür, dass sich der Stiefel nach dem Aufsetzen noch gut einen Meter talwerts bewegt. Mit riesigen Schritten gehts also richtig schnell ins Tal, während sich eine dünne Kette Wanderer im ZickZack aufwärts kämpft.

Das Tal wird breiter und führt uns über leichte Hügel dort hinunter wo sich vor Jahren noch ein Gletscher den Weg in die Tiefe gesucht hat. Die Umgebung ist rau und unwirklich, aber auf eine besondere Weise auch richtig schön. Es sind noch ein paar Kilometer auf entspannten Pfaden zu wandern bevor der Weg kurz vor der Hütte steiler wird. Unser Ziel für heute ist in Sicht, die Knorr-Hütte.

Nach dem Anmelden geht’s erst mal raus aus den Stiefeln und mit einem wohl verdienten Cola-Weizen auf die Terrasse in die Sonne. Jetzt haben wir wirklich Zeit uns klar zu werden was wir geschafft haben.


Während wir hier sitzen beobachten wir wie nach und nach Andere bei der Hütte eintreffen. Die Möglichkeit zu duschen ist Gold wert. Für eine Dusch-Marke kann mal drei Minuten warm duschen. Nicht viel, aber mehr als genug um sich wie neu geboren zu fühlen.

Das Abendessen wurde als Drei-Gänge-Menü angepriesen. Wir sind gespannt, aber bei dem Kohldampf, den alle Gäste haben, ist vermutlich relativ egal was es gib. Die Kombination aus einer Tomaten-Suppe, Spaghetti und Schokopudding ist überragend. Vor allem, wenn man sich daran erinnert, dass wir hier alle auf über 2000 Meter Höhe speisen und jede Zutat mit dem Helikopter angereist ist.

Direkt nach dem Essen geht‘s für mich ab ins Bett. Es ist gerade so acht Uhr abends und ich liege müde, erschöpft, satt und verdammt zufrieden in meinem Schlafsack. Besser hätte der Tag kaum laufen können.



Geschlafen wie ein Stein

Nach 9 Stunden bestem Tiefschlaf wache ich fit und erholt auf. Das war absolut nicht das was ich erwartet hatte. Ich hab nicht einen Menschen gehört, der sich in eines der 14 Betten in dem Schlafraum gelegt hat. So tief und fest habe ich seit langem nicht mehr geschlafen.

Merke: Bergsteigen = gut schlafen

Nach einem einfachen Frühstück in der Hütte geht‘s an den letzten Abstieg.


Wir scheinen die Einzigen zu sein, die sich gegen Regenjacke und Regenhose entscheiden. Wirklichen Regen gibts draußen auch nicht. Beim Aufbruch liegt die Hütte noch in tiefhängenden Wolken versteckt. Ich starte mit T-Shirt und Halstuchs auf die Tour, die uns einmal das Tal durchqueren lässt und dann Richtung Gatterl führt.


Der Blick in das grüne Reintal ist wunderschön. Da sich die Wolken aus dem Tal verziehen, wird es mit jeder Minute noch schöner. Den Schafen scheint das Wetter hier oben absolut nichts auszumachen. Sie klettern auf der Suche nach Grünzeug gemütlich und klingelnd durch die Landschaft. Die Felsen, die durch die vielen Wanderer glattpoliert wurden, sind durch den Nieselregen so nass und rutschig, dass der eigentlich einfache Pfad Konzentration erfordert.

Auf der anderen Talseite überqueren wir den Bergrücken am Gatterl. Hier markieren zwei Schilder und ein altes Türchen aus Metall den Grenzübergang zwischen Deutschland und Österreich.


Beim Blick zurück wollen wir eigentlich nicht runter von den Bergen und zurück ins Tal. Allerdings wartet an unserem Weg schon eine Überraschung auf uns. Nur wenige Meter von uns entfernt auf einem Felsen entdecken wir eine Murmeltier-Familie. Durch die Kühe auf der Wiese dahinter sind sie uns im ersten Moment gar nicht aufgefallen. Wir bleiben eine ganze Weile stehen und beobachten die süßen Tiere, bis der Wind uns zum Weiterlaufen bewegt.


Auf unserem Weg ins Tal kommen uns immer wieder Gruppen von Wanderer entgegen. Irgendwie ist es ein bisschen amüsant, dass wir im Shirt und alle anderen in Regenklamotten und mit Ponchos unterwegs sind. Die Pause machen wir an der Hochfeldern-Alm. Unsere Hoffnungen einen Kaffee zu bekommen werden leider enttäuscht. Auf der Terrasse bilden ein Kühlschrank und ein Kässchen die Selbstbedienungs-Bar. Während wir den Ausblick genießen und zusehen wie Wolken von einem Berggipfel zerrissen werden, stellen wir fest, dass ein warmes Getränk besser gewesen wäre. Für die letzten Kilometer bis zum Hostel gibt’s dann doch einen dünnen Pulli.


Auf den letzten Metern vor dem Hostel werden wir doch noch richtig nass. Das stört allerdings nicht weiter. Zum Einen weil wir trockene Klamotten zum Wechseln haben und zum Anderen wegen dem unglaublich geilen Luxus, dass es im Hostel eine Sauna gibt.

Sauna, Essen gehen und Sofas vor einem Panoramafenster mit diesem Ausblick. Die perfekte Belohnung und der perfekte Ausklang…


Ich kann die nächste Tour zur Zugspitze kaum noch erwarten…


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