/ Juni 27, 2021/ Blog, Equipment, Mit dem Fahrrad, Nordkapp-Tour 2021, Reisen

Nach der entspannten Nacht an dem traumhaften Fleckchen Natur geht’s nach dem Kaffee als erstes ans Organisatorische

Mein Tretlager macht weiterhin Geräusche und wackelt mehr und mehr. Der Plan ist, in Örebro die Reparatur machen zu lassen. Da das Lager gepresst ist, kann ich es nicht einfach unterwegs wechseln und organisiere mir deshalb einen Termin bei einer Fahrrad-Werkstatt für den übernächsten Tag. Meine Freundin Caro hat mir bei der Recherche geholfen und jetzt versuche ich eine Werkstatt zu finden, die passende Ersatzteile und das Werkzeug für die Reparatur hat. Nach einigen Telefonaten und Absagen klappt dann doch alles so, wie ich es gehofft hatte. Ich packe meine Sachen und starte die heutige Etappe. Überraschung: Es geht Richtung Norden.



Die Strecke führt mich erneut durch Wälder und entlang schöner Seen. Allerdings hab ich zu viel anderes im Kopf, um meine Umgebung wirklich zu genießen. Neben meinem Plan der Stadt Örebro näher zu kommen, bin ich gedanklich auch bei Caro und ihrem Auto, das seltsame Geräusche macht. Damit, und mit vielen anderen Gedanken im Kopf, fliegt die Landschaft an mir vorbei, bis es an die übliche Hütten-Suche geht.

Heute läuft es ähnlich wie in den letzten Tagen, bis auf den Unterschied, dass ich im Endeffekt ohne Hütte dastehe. Naja, mein Zelt stelle ich an einem kleinen See auf und gehe baden, bevor das Wetter weiter schlechter wird. Den Schweiß los zu werden ist einfach angenehm. Weniger angenehm ist es, beim Kochen durch den einsetzenden Regen nass zu werden, aber das gehört auch dazu. Wobei ich mich schon ein bisschen verarscht fühle, da der Regen beginnt, sobald ich anfange zu kochen und aufhört, sobald ich fertig bin und mich in mein Zelt zurückziehen kann. Im Endeffekt muss ich sagen, dass ich in letzter Zeit mit meinen Schlafplätzen wirklich Glück hatte. Abende wie dieser sind zwar nervig, aber sie sorgen dafür, dass man nicht vergisst, die kleinen Dinge wertzuschätzen. Außerdem hätten das Wetter und der Platz auch viel schlimmer sein können.


Neuer Tag, neues Glück


Der Morgen ist kühl, die Luft sauber und ich muss mein nasses Zelt ordentlich ausschütteln, bevor ich es einpacken kann. Direkt nachdem ich in die Etappe gestartet und den ersten Anstieg über den groben Schotter hoch gestrampelt bin, sehe ich eine Herde Rehe hinter der Kuppe. Im ersten Moment bemerken sie mich nicht und ich kann sie einige Sekunden beobachten. Aber die meisten von ihnen verschwinden im dichten Wald bevor ich ein Foto machen kann. Die geplante Strecke für heute ist vergleichsweise kurz. Das Plätzchen, das ich heute ansteuere, ist nur knapp 35 Kilometer entfernt. Es soll ein Windschutz direkt am Stadtrand von Örebo sein. Auf dem Weg dorthin fahre ich entlang vieler Felder und durch schöne kleine Dörfer, wo ich unter anderem eine schöne Kirche sehe.



Je näher ich meinem Ziel komme, desto mehr wachsen meine Zweifel, hier etwas Vernünftiges zu finden. Ich habe einige Vororte passiert, die Bebauung wird dichter und nur wenige hundert Meter bevor ich da sein soll, überquere ich eine Schnellstraße. Von einem Wanderparkplatz aus geht ein schmaler, geschotterter Weg nur etwa 50 Meter von der Straße entfernt von der Straße parallel Richtung Ziel. Es geht links ab und auf einen wurzeligen Pfad, der sich nicht nur fahren lässt, sondern mich nach kurzer Zeit auch direkt zu einem schönen Plätzchen führt. Es ist reichlich Platz, Sitzgelegenheit und vor allem ist es überraschend ruhig dafür, dass ich mich quasi direkt zwischen Stadt und Schnellstraße befinde. Da ich heute nicht viel gefahren bin, hab ich mehr Zeit zum Schreiben. Nach dem Essen geht’s zeitig ins Bett, aber es dauert einige Zeit bis ich zum Schlafen komme.


Auf nach Örebro!


Auf geht’s zur Werkstatt! Ich bin zeitig wach, damit ich mein Kaffe trinken und frühstücken kann, bevor ich Richtung Innenstadt aufbreche. Wie vorher besprochen, bin ich direkt zu Ladenöffnung bei NorraCykel. Noch mal kurz gecheckt ob das Ersatzteil passt und was gemacht wird, bevor ich mein Bike samt Gepäck verlasse.

Ich hab mir ein paar Sachen eingepackt und schau mir die Stadt an, während ich ein paar Kleinigkeiten wie zum Beispiel Mücken-Spray besorge. Das Wetter ist schön und in der ganzen Stadt sind Gruppen von Jugendlichen, die lautstark ihren Abschluss feiern. Erst ziehen die Gruppen zu Fuß und später in Auto-Korsos durch die Straßen. Nach den Besorgungen steuere ich ein kleines Restaurant an. Während ich auf mein Essen warte, bin ich ein bisschen stolz auf mich, da ich es geschafft habe, es mit meinen rudimentären Schwedisch zu bestellen.



Nach dem Essen mach ich mich vollgefuttert auf den Rückweg zur Fahrradwerkstatt. Auf halbem Weg setze ich mich im Park nochmal in die Sonne.

Mein Rad ist fertig! Beim Laden angekommen freu ich mich sehr, mein Rad wieder zu haben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich ohne mein Rad so hilflos fühle. Auf meinem Weg aus der Stadt wird mir klar, dass im Moment mein komplettes materielles Leben an diesem Bike hängt. Von meinem „Bett“ über mein „Schlafzimmer“ bis hin zu meiner „Küche“ mit den Lebensmitteln hab ich alles dabei. Alles, was ich wirklich brauche, nichts Überflüssiges und somit die Freiheit, fast überall hinfahren zu können, wo ich will.

Kaum bin ich aus der Stadt raus, fahre ich wieder über Schotterpisten durch Wälder und entlang unzähliger Seen. Es sind einige Hütten eingezeichnet, aber ich möchte nicht schon nach 15 Kilometern meine Tagestour beenden, bevor diese richtig angefangen hat.



Am frühen Abend muss ich feststellen, dass die Gegend, in der ich mich jetzt befinde, gänzlich ungeeignet für mich ist. Entlang der Seen sind zwischen den Wohnhäusern unzählige Sommer- und Ferienhäuser, aber kein Plätzchen zum Campen. Die meisten Wege, die zum See führen, enden an einem privaten Anlegesteg für Boote und selbst die kleinsten Pfade, die von der Straße abgehen, sind mit kleinen Schildern als Privatgrundstück markiert. Etwa 40 Kilometer nachdem ich mit der Nachtlager-Suche angefangen hab, hoffe ich, irgendwann zumindest einen kleinen verwucherten Pfad zu finden, wo ich mein Zelt aufstellen kann. Jeden neuen Hügel merke ich mehr in den Schenkeln und ich will keine „Privat“-Schilder mehr sehen.
Am späten Abend kurz vor 22 Uhr finde ich einen Pfad, der von einem Schotterweg abgeht, immer enger wird und in einer von Gestrüpp zugewucherten Sackgasse endet. Die Stelle ist jetzt ideal, einfach nur, weil ich hier mein Zelt aufstellen kann und meine Ruhe hab. Zum Glück wird es so weit nördlich der Heimat deutlich später dunkel. Jetzt noch schnell was Essbares in den Magen und ab in den Schlafsack.


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