/ August 16, 2021/ Blog, Mit dem Fahrrad, Nordkapp-Tour 2021, Reisen

In der Nacht hat es geregnet

Zwar ist das Zelt nass geworden, aber durch das Tipi nur auf einer Hälfte. Der Wecker klingelt mehr oder weniger zeitig, da wir heute wieder einige Kilometer fahren wollen. Wir stehen auf und stellen fest, dass um uns herum schon reger Betrieb herrscht. Drei Familien mit Kindern, mehrere Angler, Pärchen, die baden wollen und dann werden noch zwei kleinere Boote von Anhängern zu Wasser gelassen. Jap, und wir sind mittendrin.

Wir stärken uns für die Tour, packen unsere Sachen und starten. Vom See geht´s über den selben Schotterweg zurück, über den wir gestern gekommen sind, bis zur Straße, wo noch relativ wenig Verkehr ist. Weiter geht´s Richtung Norwegen. Sehr weit ist die Grenze nicht mehr entfernt, allerdings noch zu weit, um es an einem Tag zu schaffen. Nach einigen Kilometern geht es Caro schlechter. Sie fühlt sich ziemlich schlapp und bekommt starke Kopfschmerzen. Ich fühle mich auch nicht so richtig fit, einfach weil wir in den letzten Tagen immer wieder größere Strecken gerissen haben. Unsere Körper sagen uns ganz offensichtlich, dass wir eine Pause machen sollen. Wir schauen uns nach einem näheren Schlafplatz um.



Zwischen den unzähligen Seen und dem endlosen Wald wirkt diese Straße, auf der wir unterwegs sind, ziemlich verloren. Außer dichtem Wald und mehr oder weniger steilen Hängen gibt es hier auch nicht viel, was die Suche nach einem Plätzchen für unser Zelt nicht gerade vereinfacht.

Auf der Karte entdecken wir eine Freifläche und steuern sie an. Ein kleiner Weg zweigt ab und führt uns auf einen Hügel. Der Weg ist ziemlich sandig und besteht im Endeffekt aus zwei tiefen Fahrrinnen. Ich bin ziemlich froh, dass ich auf meine Erfahrung von einigen Jahren Mountainbike fahren zurückgreifen kann, denn es ist nicht ganz einfach. Unter anderem fahren wir durch eine mehrer Meter große, matschige Pfütze. Es klappt alles und wir schaffen es beide ohne nasse Füße und ohne all zu viel Sand in den Schuhen auf den Hügel. Die Freifläche ist leider nicht wirklich frei. Hier wurde offensichtlich gerodet. Überall, wo wir hinschauen, sind Baumstümpfe so nah beieinander, dass es unmöglich ist unser Zelt zu stellen. Die Flächen zwischen den Überresten der Bäume ist mit Blaubeersträuchern oder anderem Gestrüpp bedeckt. Das heißt, dass wir den miesen Weg inklusive der riesigen Pfütze zurück müssen.

Das nächste Ziel sieht relativ sicher aus, ist allerdings noch ein gutes Stückchen entfernt. Auf dem Weg dorthin machen wir halt um Riegel zu snacken und durchzuatmen. Ich stelle mein Rad auf dem Ständer ab drehe mich weg und es knackt. Ich drehe mich zurück und sehe, wie mein Rad in dem Moment auf dem Boden aufschlägt. Ja gut, das wars dann offensichtlich mit Fahrrad abstellen. Jetzt muss ich mir für jeden Stop eine Möglichkeit zum Anlehnen suchen….



Von der Straße geht es auf einen kleineren Weg. Nach einigen weiteren Kilometern rollen wir an einer winzigen Siedlung vorbei. Sie liegt mitten im sonnendurchfluteten Wald zwischen traumhaften Seen, deren kleinen Wellen durch die Sonne funkeln. Wir kommen an, es ist ein großer hölzerner Turm, der zur Vogelbeobachtung gedacht ist. Dass es auf dem Tum zu windig zum Zelten ist, haben wir vermutet. Wir freuen uns über die Freifläche und die Picknickbank direkt unter dem Turm.

Es sind einige Stufen bis zu der Aussichtsplattform, aber der Panorama-Blick ist es allemal wert. Es ist nicht nur die Sicht über den endlos wirkenden Wald, der beeindruckend ist. Auch die vielen kleinen und großen Seen und der Fluss, der sich durch das Panorama zieht, machen das Bild unbeschreiblich schön. In der Ferne sehen wir die Hügel, über die wir gekommen sind und uns wird deutlich klar, warum sich unsere Beine so schwer anfühlen. Der Wind bläst ordentlich und man muss sich beim Fotografieren sehr bemühen, um nicht zu sehr zu wackeln. Auf der Treppe nach unter sehen wir zum ersten Mal unser Lager aus der Vogelperspektive. Interessant….



Beim Auspacken, gerade als wir anfangen wollen zu kochen, fällt mir etwas auf: In einer der wasserdichten Taschen ist ein Tetrapack mit Hafermilch, die für den morgendlichen Kaffee gedacht ist, ausgelaufen. Die Plastiktüte, die dafür gedacht war in solchen Fällen dicht zu halten, hat auch versagt. Das Ergebnis: Die Hafermilch hat sich in der kompletten Tasche verteilt. Neben einigen Lebensmitteln, bei denen es recht undramatisch ist, hat auch mein Schlafsack ordentlich was abbekommen. Die Hülle ist komplett durchweicht und der Schlafsack an einigen Stellen auch. Wir wischen alles ab und versuchen, die Sachen wieder trocken zu bekommen. Das funktioniert auch ganz gut, allerdings hab ich Sorge, dass der Schlafsack die Hafermilch nicht so wirklich mögen wird und spätestens in ein paar Tagen richtig unangenehm riechen wird.

Während wir dabei sind, das Abendessen vorzubereiten, bleiben wir nicht ganz alleine. Erst kommt eine junge Familie vorbei, um auf dem Turm die Aussicht zu genießen. Später noch ein Mann und eine Frau. Er fragt uns, ob es in Ordnung ist, dass sie hier sind, da sie uns nicht stören wollen, was natürlich passt. Kurz danach stellt sich heraus, dass er aus Österreich kommt und wir schwenken von Englisch auf Deutsch. Er kam vor vielen Jahren aufgrund seiner Arbeit nach Finnland. Hier lernten sich die beiden kennen und sind durch die Arbeitsreisen eng befreundet. Seit einigen Jahren arbeitet er nicht mehr bei der selben Firma und kommt beruflich nicht mehr so weit herum. Trotzdem reist er jedes Jahr mindestens einmal in den Norden Finnlands, um alte Freunde und Bekannte zu besuchen. Und natürlich um Urlaub in der traumhaften Natur zu machen, was absolut verständlich ist.

Heute können wir das Problem mit dem vollgesifften Schlafsack nicht mehr lösen. Nachdem wir den Abend mit Putzen verbracht haben, geht’s nach dem Abendessen mit mäßiger Stimmung ins Bett. Den Tag würde ich nicht zu den Angenehmsten zählen und es ist heute einiges nicht gerade glatt gelaufen. Naja, das sind Tage an denen man den Unterschied zwischen Reisen und Urlaub richtig deutlich merkt. Wie wir das Problem mit dem Schlafsack lösen, schauen wir in den nächsten Tagen….

Hallo Norwegen!

Nach einer windigen Nacht mit etwas Regen rüttle ich am Zelt, um die meisten der Regentropfen abzuschütteln, bevor wir frühstücken.

Frisch gestärkt starten wir in die ebenfalls recht lange Etappe. Es soll heute über die Finnisch-Norwegische Grenze gehen. Da sich die Einreisebestimmungen, die an Fallzahlen geknüpft sind, regelmäßig ändern, wollen wir unbedingt heute noch an der Grenze ankommen, bevor übermorgen die neuen Corona-Bestimmungen bekanntgegeben werden.

Von unserem Vogelbeobachtungsturm folgen wir dem Schotterweg, der in gut zehn Kilometern wieder auf die Straße treffen sollte. Der Weg führt zu Beginn durch ein Feuchtgebiet mit vielen kleinen und großen Seen sowie einigen kleinen Flüssen. Es ist traumhaft ruhig auf der Strecke. Wir rollen durch Wald und entdecken hier immer wieder Briefkästen, wo Wege zu kleinen und teilweise auch großen Holzhütten führen. Es ist schon beneidenswert, eine Hütte hier zu besitzen. Eine Auszeit in einer Hütte hier im Nirgendwo muss wahnsinnig entspannend sein.

Auf der großen Straße ist es angenehm zu fahren, da quasi überhaupt kein Verkehr herrscht. Auf der Karte sehen wir, dass es nach einer Biegung in Richtung der Grenze nahezu ausschließlich geradeaus geht. Noch wenige Stunden und eine Grenze, danach steht unserem Ziel, dem Nordkapp, so gut wie nichts mehr im Weg.

Die Landschaft wechselt immer wieder zwischen Wäldern und dem kargen Fjäll. In der Ferne sind schon die ersten Berge zu sehen, die in Norwegen bereits auf uns warten. Im Wechsel der Landschaft überwiegt nach und nach mehr das Karge, was allerdings nicht weniger schön ist. Die raue Landschaft bietet ein neues Bild mit immer wieder anderen Pflanzen. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es komplett andere Pflanzen sind, oder sie sich einfach der Umgebung angepasst haben. Zum Beispiel die Birken: Weiter im Süden standen sie in dichten Wäldern beisammen und haben sich mit einem schmalen geraden Stamm, ohne viele Äste und Zweige, in den Himmel gestreckt, wo sie ihre Krone ausgebreitet und das Licht der Sonne eingefangen haben. Hier sehen wir kleine Bäume die selten höher als drei Meter sind. Rinde und Blätter sehen genau identisch aus, doch die Erscheinung ist anders. Hier sind die Birken schon knapp über dem Boden viel verzweigt, wachsen kaum in die Höhe, sondern eher in die Breite und wirken so eher wie ein überdimensionierter Strauch, der einer Birken-Krone gleichkommt. Definitiv sind beides Birken, allerdings steht zur Diskussion, ob es die selbe Birken-Art ist, die durch Umwelteinflüsse unterschiedlich geformt wurden, oder ob es eine andere Unterart der Birke ist. So oder so ist es beeindruckend, völlig alleine durch diese endlose, menschenleere Natur zu fahren.

Die gerade Straße, die wir bereits auf der Karte gesehen haben, hat ihre Tücken. Das stellen wir fest, während wir auf ihr unterwegs sind. Sie geht zwar geradeaus, allerdings heißt das auch, dass sie keinen der zahllosen Hügeln auslässt. Nach vielen Kilometern sind wir kaum ein Stück gefahren das eben war. Entweder auf oder ab. Wir bekommen den Verdacht, dass die Planung, wo die Strecke gebaut werden soll, relativ einfach war: Eine Karte, ein Lineal, ein Stift und mit einem Strich ist die Planung beendet. Und es bestätigt sich immer wieder. An vielen Stellen wäre es ein leichtes gewesen, mit ein oder zwei Biegungen reichlich Steigung zu sparen. Das wurde einfach nicht gemacht. Zwar freuen sich unsere Beine nicht gerade über das Ergebnis der Planung, aber die Fotos der Strecke sind einzigartig und bleiben auf jeden Fall in Erinnerung.



Wir sind so gut wie da! Das letzte Bild zeigt den Blick, den wir von dem letzten größeren Hügel vor der Grenze haben. Die Straße führt ins Tal, wo die Grenze zwischen Finnland und Norwegen durch einen Fluß markiert wird. Auf der finnischen Seite liegt das winzige Dörfchen Karigasniemi. Danach fahren wir über eine Brücke und können schon die norwegische Kontrollstation sehen. Neben einer leichten Straßensperre stehen hier Polizei und Militär, die gemeinsam arbeiten. Einige Meter vor ihnen stoppen wir, um unsere Masken aufzusetzen und rollen weiter auf sie zu. Wir werden freundlich empfangen und nach unseren Dokumenten gefragt. Nach einem kurzen Gespräch wird klar, dass unsere Impfpässe in Papierform hier nicht gelten. Dass Deutschland mit der Digitalisierung so unglaublich langsam ist, scheint jetzt zum Problem zu werden, da wir hier an der norwegischen Grenze beide als ungeimpft gelten. Zum Glück können wir relativ unkompliziert einen Corona-Schnelltest machen. Der Polizei-Beamte nennt uns eine staatliche Website, auf der wir uns registrieren müssen. Eine Minute später erhalten wir einen Code per SMS, mit dem wir beim Personal des mobilen Testzentrums melden. Ein simples Formular und schon kann es losgehen. Der Mitarbeiter macht den Abstrich auffallend ordentlich und kitzelt ausgiebig unsere Hirnrinden.

Jetzt heißt es warten und wir nutzen die Zeit, um Brot und Aufstrich zu vespern. Wir sind total happy, dass alles recht problemlos geklappt hat und der Test kostenlos ist. Bei dem starken Wind müssen wir aufpassen, dass die Verpackungen unserer Snacks nicht davonfliegen. Für einen Moment kommt die Frage auf: „Was machen wir eigentlich wenn einer von uns beiden positiv getestet wird?“ Aber woher sollten wir es denn haben? Die Wahrscheinlichkeit, sich das Virus hier im Nirgendwo einzufangen, wo wir so gut wie niemanden treffen, tendiert gegen Null. Nach etwa 15 Minuten erhalten wir die positive Nachricht, dass das Testergebnis negativ ist und wir weiter können.

Also packen wir unsere Sachen und schwingen uns auf die Räder. Innerhalb weniger Kilometer ändert sich die Straße und die Landschaft schlagartig. Dichter Wald bedeckt zahlreiche große Hügel, die vor beeindruckenden Bergen in der Ferne liegen. Während die Sonne fleißig scheint, schlängelt sich die Straße vor uns von der Kuppe herunter am Fluss entlang durch die Hügel hindurch.

Heute haben wir schon wieder fast die 100 Kilometer geknackt. Wir steuern direkt auf eine Stelle am Fluss zu. Es gibt zwar einen kleinen Parkplatz direkt an der Straße, allerdings ist der winzig und unschön. Außerdem ist die Vorstellung, dass wir heute Abend an einem unglaublichen klaren Fluss sitzen, zu verlockend. Die Abzweigung ist leicht zu übersehen. Zwischen dem Gestrüpp geht ein Weg, der den Namen nicht wirklich verdient hat, steil bergab; zwei steile sandige Spurrillen, die ziemlich zugewuchert sind und an denen sicherlich auch der eine oder andere Geländewagen scheitert. Wir überlegen, ob wir den Weg morgen wohl wieder hoch kommen…

Jetzt geht’s erst mal abwärts. Es ist eine ziemliche Rutschpartie, aber es klappt. Noch einige Meter Feldweg und schon sehen wir, dass sich der Weg mehr als gelohnt hat. Eine schöne Freifläche die Blick auf den Fluss bietet, der sanft und gemütlich durch die bewaldeten Hügel fließt.



Wir stellen unsere Räder ab, beziehungsweise ich suche mir eine Möglichkeit um mein schweres Rad anzulehnen, und dann gehen wir die wenigen Meter zum Fluss. Der sandige Boden ist mal mehr und mal weniger bewachsen. Am Ufer fällt er, ein kleines Stückchen, relativ steil ab. Das kalte Wasser ist unglaublich klar und scheint wahnsinnig rein zu sein. Mit dem Wald im Hintergrund wirkt alles einfach beeindruckend.



Wir bauen unser Zelt auf und machen uns ans Abendessen. Die Mücken sind hier auch wieder zahlreich am Start, allerding haben wir mittlerweile spezielle Spiralen, deren Rauch die kleinen fliegenden Blutsauger fern halten sollten. Mehrere der Spiralen in Kombination mit den Sprays, die wir auf uns verteilen, sorgen dafür, dass wir einigermaßen erträglich im Freien sitzen können. Aber die Mücken stören sich allerdings weder an dem Rauch noch an dem Spray auf unserer Haut. Hier oben im Norden scheint alles ein bisschen härter im Nehmen zu sein. Wir sind happy und froh, dass wir es bis hierher geschafft haben. Für das Problem mit dem Schlafsack haben wir auch schon eine Idee. Ob das so klappt wie wir das gerne hätten, werden wir erst am nächsten Tag sehen. Das erzähle ich dann im nächsten Beitrag…


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