/ Juli 7, 2021/ Blog, Equipment, Mit dem Fahrrad

Trotz, dass man jede Nacht an einem anderen Ort verbringt, ist der Ablauf am Morgen schon so sehr zur Routine geworden, dass es sich fast wie Alltag anfühlt

Das Porridge zum Frühstück, unsere Ausrüstung, die Klamotten und alles andere Zeug zusammenpacken und dann starten. Jeden Platz, der für eine Nacht ein bisschen Sicherheit bedeutet hat, lassen wir hinter uns mit dem Wissen, dass wir vermutlich nie wieder hier her kommen werden.

Kurz bevor wir auf die Räder steigen, reißt bei den letzten Handgriffen das Band an einer Schnalle einer Tasche. Doof, da man sie nicht mehr verschließen kann. Also erst mal wieder auspacken und die Werkzeugtasche herauskramen. Die Kabelbinder, die ich in verschiedenen Größen dabei habe, sollten das Problem provisorisch lösen. Zwei Stück halten die Schnalle bis ich irgendwann die Zeit finde, die abgerissenen Schlaufe zu nähen.



So verzögert sich unser Start und das Wasserholen. An einem Freiluftmuseum soll es eine Wasserstelle geben. Während wir den Wasserhahn suchen, treffen wir eine freundliche Angestellte, die sich um das Gelände kümmert und uns einen Hahn mit Trinkwasser zeigt. Unser weiterer Weg führt uns durch viele kleine Dörfer, wo sich offensichtlich ein Großteil der Menschen durch Landwirtschaft versorgt. Die Strecke ist nicht nur von Weiden und Vieh, sondern natürlich auch von zahlreichen Seen gesäumt.

Kurz vor Mittag machen wir eine Snackpause an einer alten Fabrik. Sie steht schon lange still, doch Schilder erzählen, dass hier ein Hochofen betrieben wurde. Die Gegend ist, oder war zumindest damals, reich an Kohle und Erzen. Durch die Kombination konnte hier einfach Metall produziert und direkt verschifft werden.



Nach einem längeren Anstieg präsentiert uns der Schotterweg während der Abfahrt einen traumhaften Panoramablick. Dass andauernde Auf und Ab wird auch immer wieder von etwas anderem begleitet: Diesen wunderschönen lila Lupinen, deren Blüten in der Sonne leuchten. Sie wachsen wie Unkraut überall an den Rändern der Straßen und Wege.



Auf der Suche nach einem Platz für unsere Mittagspause sehe ich einen kleinen Weg, der vielversprechend wirkt. Wir folgen ihm ein kleines Stück und finden eine Lichtung. Hier sind neben einer eingebrochenen Scheune und einigem landwirtschaftlichen Gerät auch die verbrannten Grundmauern von einem Wohnhaus zu erkennen. Es ist zwar ein kleines bisschen gruselig, auf dieser Lichtung mit den verbrannten Trümmern zu stehen, aber die Neugier überwiegt. Nachdem wir uns etwas umgeschaut haben, fangen wir an zu kochen. Während des Essens dreht sich das Gespräch darum, was hier wohl passiert sein könnte und was der Grund für den Brand gewesen sein könnte. Wir werden es vermutlich nie erfahren….



Nachdem wir die letzte Brücke des Tages überquert haben, folgen wir einem geschotterten Weg, der zwar an einer Hütte am Fluss enden soll, aber uns ziemlich skeptisch macht. Long Story short: Wir haben Glück! Es ist nicht einfach eine Hütte, sie steht an einem wunderschönen Plätzchen, direkt am Fluss. Wir schauen uns die Hütte genauer an und stellen fest, dass sie eher einem Haus gleicht. Sie hat zwei Räume, jeweils mit einem offenen Ofen, Tischen und Stühlen, und einer süßen kleinen Veranda. Der Fluss ist nur einen Steinwurf entfernt und ein kleiner Pfad führt von der Wiese direkt hinunter zu einer sandigen Badestelle.

Während Caro das Abendessen vorbereitet, sammle ich Feuerholz von einem zerborstenen Baum, in den ein Blitz eingeschlagen hatte, mache den Ofen an und wir essen in kuscheliger Wärme bevor wir uns in unseren Schlafsäcken auf die Iso-Matten am Boden legen.


Die Nacht war sehr angenehm und komplett frei von Mücken

Das einzig Doofe ist, dass ich durch meine Iso-Matte durchliege. Ich hab schon seit ein paar Tagen das Gefühl, dass meine aufblasbare Iso-Luft-Matte Luft verliert. Jetzt bin ich mir absolut sicher, auch, dass es schlimmer wird. Ich hoffe, dass sie noch einige Zeit hält und ich mir nicht überlegen muss, wo ich eine neue Iso-Matte kaufe.



Der Platz mit der Hütte, den wir hier gefunden haben, ist zwar ideal um ein paar Tage zu bleiben, trotzdem geht es für uns weiter. Die Räder sind fertig gepackt und wir sind startklar. Beim Losfahren mir fällt auf, dass die Solarzelle, die ich immer auf meine Taschen geschnallt habe, nicht mehr funktioniert. Sie hat bis jetzt gute Dienste geleistet und mein Handy sowie die Powerbanks, mein Tablet und die ganze Elektronik zuverlässig versorgt. Ohne sie haben wir auf lange Sicht keinen Strom, also kein Handy und somit kein Navi. Zum Beispiel Licht fällt auch flach. Wir starten trotzdem und suchen auf der Fahrt nach einer Lösung.

Die ersten Meter des Tages gestalten sich schwieriger als gedacht. Der Pfad ist am Anfang gut zu fahren, aber bald geht’s extrem steil nach unten. An Fahren ist nicht zu denken, also geht´s neben dem Rad zu Fuß abwärts. Die Finger an den Bremsen, mit teilweise blockierenden Reifen rutschen wir mehr oder weniger am Steilhang den Pfad Richtung Fluss hinunter. Die schmale Brücke ist ein winziges Bisschen zu schmal für unser Gepäck, was die ganze Aktion noch einmal schwieriger gestaltet. Was wir nicht wissen: Den schwierigen und vor allem anstrengenden Teil haben wir noch vor uns. Nach einer Kurve auf dem Pfad geht es eben so steil aufwärts, wie es gerade eben abwärts gegangen ist. Umkehren ist wahrscheinlich auch nicht einfacher und definitiv eine Quälerei, also weiter. Ich merke schnell, dass es einfach nicht funktioniert das Bike den Pfad hoch zu schieben. Nicht nur, dass ich mich den Grenzen meiner Kräfte nähere, auch der Untergrund unter den Füßen hält der Belastung nicht stand und ich rutsche unkontrolliert. Mit vereinten Kräften schaffen wir es dann doch gerade so gemeinsam ein Rad nach dem anderen den Hang hoch zu schieben. Nach einigen sehr beschwerlichen Metern können wir unsere Räder den immer noch steilen Pfad schieben und einige hundert Meter weiter endlich wieder einigermaßen fahren. In etwa so gestalten sich die ersten 5 Kilometer des Tages.

Heute ist es ziemlich warm. So warm wie bisher noch nicht auf meiner Tour durch Schweden. Auf unserem Weg kommen wir an einer Brücke vorbei, die sich direkt an einem Wasserkraftwerk über einen Fluss erstreckt. Der Fluss und das Kraftwerk sind sind deutlich größer als das, was wir vor einigen Tagen gesehen haben. Das Bauwerk ist ebenso beeindruckend wie die Kraft, die das Wasser hat.

Die nächste größere Stadt ist Sundsvall. Wirklich Zeit die Stadt zu erkunden, nehmen wir uns nicht. Trotzdem kommen wir nicht nur an Baustellen, sondern auch an ein paar sehr hübschen Ecken, zum Beispiel der Kirche, vorbei. Wir haben ohnehin geplant, hier einkaufen zu gehen. Nach einiger Recherche und ein bisschen Hin und Her, beschließen wir, zu einem Supermarkt zu fahren, der in der Nähe von einem Baumarkt liegt. Wir schließen unsere Räder an und teilen uns auf. Caro geht in den Baumarkt, in dem es, laut Homepage, eine USB-Solarzelle gibt und ich gehe Lebensmittel einkaufen. Wir haben Erfolg und bis auf Kleinigkeiten alles bekommen. Es ist deutlich später geworden als wir geplant hatten, die Mittagszeit ist um und wir sind am Verhungern. Ein Burgerladen in Sichtweite wird dadurch so attraktiv, dass wir uns gegen das selber Kochen außerhalb der Stadt entscheiden.


Nachdem wir uns gut ordentlich vollgefuttert haben, verlassen wir Sundsvall Richtung Norden. Sobald wir die Stadt verlassen haben ziehen wir unsere Shirts aus und rollen aufgrund der Hitze oben ohne weiter. Es wird recht spät bis wir unser geplantes Ziel erreichen. Es ist eine süße Badestelle mit einem Windschutz an einem kleinen See. Wir haben die hübsche Stelle nicht für uns alleine. Auch ein deutsches Pärchen mit einem geliehenen VW-Bus hat das Plätzchen gefunden. Sie unterhalten sich mit einer älteren einheimischen Frau, die zum Baden herkam und ihre sehr alte Mutter mitgebracht hat. Dem Pärchen ist der See zu kalt zum Baden. Wir fühlen uns zu verschwitzt und klebrig, um uns durch die Kälte vom Baden abhalten zu lassen.



Wir hängen unsere nassen Badesachen und die Handtücher über einen Zaun zum Trocknen in die Abendsonne, die hier, so weit im Norden, noch sehr hoch steht. Den Tag über ist es schon aufgefallen und jetzt ist es auch wieder so: Die neu gekaufte Solarzelle funktioniert nicht richtig. Somit haben wir zwei Solarzellen, die nicht vernünftig funktionieren. Also was machen wir? Heute finden wir trotz einigem Hin und Her keine Lösung mehr.

Die Mücken, die zuerst mich und jetzt uns beide seit Beginn an begleiten, werden immer zahlreicher und hungriger. An diesem Nachtlager ist es besonders schlimm und es scheint übler zu werden je weiter wir nach Norden fahren. Vielleicht liegt es auch daran, dass es richtig Sommer und immer wärmer wird. So oder so könnte das in den nächsten Wochen nervig werden…

Heute gibt es, wie immer, wenn eingekauft wurde, frisches Gemüse. Das ist immer ziemlich angenehm und ein kleiner Luxus, da sich die frischen Sachen nicht lange halten und sich das Menü nach einigen Tagen hin zu Nudeln oder Reis mit Fertig-Soße entwickelt.

Ich wache auf und höre wie der Regen aufs Zelt fällt


Ein Grund, sich noch mal rumzudrehen. Wir stehen trotzdem auf und fangen an, Frühstück zu machen. Währenddessen macht der Regen kurz Pause. Die Mücken mögen ihn offensichtlich auch nicht und versammeln sich deswegen zu Massen im Windschutz. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass die unzähligen kleinen Pünktchen an den Wänden Mücken sind. Auch die Außenseite des Zelts ist komplett übersät.



Zeitgleich mit dem fertigen Frühstück setzt der Regen wieder ein. Nach kurzem Hin und Her wählen wir das eindeutig kleine Übel: Wir sitzen mit den Kapuzen unserer Regenjacken über den Köpfen draußen an dem Tisch im Regen und frühstücken. Dass sich das Zusammenpacken unter den Bedingungen als etwas nervig erweist, sollte niemanden überraschen.

Heute steht was Besonderes an. Obwohl wir nicht wissen, ob es klappt, machen wir uns auf den Weg. Dieser ist trotz des schwülen und wechselhaften Wetters wie immer wahnsinnig schön. Aus dem Hinterland geht es wieder Richtung Küste und weiter nach Norden. Ein Meerarm, der weit ins Landesinnere führt, liegt direkt vor uns. Die Frage ist nun, ob wir mehr als 20 Kilometer um den Meerarm herum fahren, oder über die etwas über ein Kilometer lange Brücke fahren.



Wir entscheiden uns dafür, die Brücke zu nehmen. Hierzu müssen wir auf die E4. Das ist eine Nationale Schnellstraße, die quer durchs ganze Land führt. Fahrrad fahren ist hier zwar nicht per se verboten, aber alles andere als angenehm. Die Straße ist an unterschiedlichen Abschnitten unterschiedlich ausgebaut. Während wir auf der großen Schleife Richtung Auffahrt sind, sehen wir, dass sie hier wie eine zweispurige Autobahn ausgebaut ist. Kein Verbots-Schild zu sehen, also fahren wir weiter. Die Brücke kommt immer näher. Wir erkennen eine Baustelle und dass je Seite nur eine Spur befahrbar ist. Auf den ersten Blick doof, auf den Zweiten gut, da alle langsam fahren. Direkt vor der Brücke steht ein Schild, das Fahrräder verbietet. Die Spurbegrenzug zum Gegenverkehr macht ein Umkehren aber unmöglich. Also weiter! Der starke Seitenwind ist auf der gesamten Brücke deutlich zu spüren. Es ist aufregend und anstrengend. Ich spüre das Adrenalin auf dem Weg zum höchsten Punkt. Riesige LKWs überholen uns. Es gibt keine Haltemöglichkeit. Zum Glück ist der Verkehr relativ ruhig während wir auf der Brücke sind. Wir erreichen den höchsten Punkt und sobald es leicht aber stetig abwärts geht, wird mir eines klar: Wir haben es quasi geschafft.



Nur wenig später erreichen wir mit ordentlich Tempo das andere Ufer. Wir steuern die erste Ausfahrt an. Noch wenige Meter bis zu einem Aussichtspunkt und der Stelle, an der wir uns unser wohlverdientes Mittagessen gönnen. Es ist traumhaft schön! Zum einen der Aussichtspunkt mit Picknick-Bänken direkt an einem felsigen Hang. Zum anderen der Panorama-Blick auf die gigantische 1.867 Meter lange Hängebrücke mit dem Namen „Högakustenbron“,auf der LKWs wie Spielzeug wirken und die wir gerade mit dem Fahrrad überquert haben. Zur Krönung reißen die dunklen Wolken, die uns verfolgen, auf und die Sonne kommt raus. Wir machen uns an einer Picknick-Bank breit und lassen uns die Brote schmecken.



Noch kurz aufs Klo, um Wasser aufzufüllen und zurück auf die E4. Wir müssen noch eine Ausfahrt weiter, da es von hier keinen anderen Weg gibt. Es geht abwärts und wir sind schnell genug, um den relativ langsamen Verkehr nach der Baustelle nicht zu stören. Weg von der Schnellstraße sind wir beide froh, weniger Autos und LKWs um uns herum zu haben. Wir rollen weiter entlang der Küste. Das Wetter zieht wieder zu und wir freuen uns drauf, endlich anzukommen. Was uns an unserem heutigen Ziel erwartet, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass es die letzten Kilometer steil bergauf gehen wird und der Weg vermutlich nicht asphaltiert sein wird.

Über kleine Straßen geht es mal wieder auf und ab. Das Wetter hat wieder zugezogen und wir spüren beide die Kilometer in den Beinen. An einer Kreuzung steht ein Kunstwerk mitten auf einem Parkplatz. Es ist eine Art Modell der Kleinstadt mit ihrer Sehenswürdigkeit, dem Leuchtturm. Da ich hier ein Foto mache, verpasse ich die Abzweigung und wir machen einen unnötigen Abstecher.



Naja, weiter entlang der Küste kommen wir unserem Ziel näher und unsere Vermutung bewahrheitet sich. Der Weg ist geschottert und wird zunehmend steiler. Das Profil der Reifen und unsere Oberschenkel kommen an ihre Grenzen. Es ist verdammt spät und wir hoffen so sehr, dass uns ein schönes Plätzchen erwartet. Und so ist es! Es sind einige traumhafte Blockhütten, die in dem Wald auf dem Hügel beisammen stehen. Alle haben direkten Blick auf den See. Es ist leider nur eine der Blockhütten offen, alle anderen sind verschlossen. Diese ist von einer Frau belegt, die auf einem Fernwanderweg, dem „Höga Kusten Leden“, unterwegs ist. Ein winziges Hüttchen, das auf Stelzen über dem Ufer gebaut wurde, ist offen und wie für uns gemacht. Unsere Fahrräder finden auf dem Steg davor Platz und wir gehen direkt in dem See baden. Das Wasser ist so erfrischend wie kalt.



Das Bad war wiederbelebend und jetzt gibt’s was gegen den Hunger. Nach einer großen Portion Nudeln wollen wir beide nur noch satt, geschafft und zufrieden in die Schlafsäcke. Nur noch schnell Zähneputzen und aufs Klo…. Aus nur schnell wird nichts. Wir gehen raus und sind überwältigt. Der Sonnenuntergang ist der Wahnsinn und es sieht so aus als hätte das Abendrot die Wolken entzündet die jetzt in allen Farbtönen zwischen Rot und Blau glühen. Mit diesen Bildern sag ich „Gute Nacht!“.



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